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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Stanisław Senft, Oppeln

Nationale Verifikation und Repolonisierung in Schlesien 1945-1950

Das Ende des Zweiten Weltkriegs stellt eine deutliche Zäsur in der Geschichte Europas, Deutschlands und Polens dar. Vor allem aber für die bis dahin preußischen Ostprovinzen bedeutete es den Beginn einer völlig neuen Epoche. Auf den Konferenzen von Jalta und insbesondere Potsdam teilten die vier alliierten Siegermächte den Kontinent in Einflußsphären auf und zogen die Grenzen Deutschlands neu. Die Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße und damit auch Schlesien wurden Polen zugesprochen. Diese Gebietsverschiebung - übrigens nicht die einzige in der Geschichte - führte zu riesigen, in die Millionen gehenden Bevölkerungsbewegungen. Auch wenn in der Neuzeit Umsiedlungsaktionen keine Ausnahmeerscheinung waren, übertraf das, was nach 1945 geschah, in seinen Ausmaßen alles Vorhergegangene bis hin zu den frühmittelalterlichen Völkerwanderungen. Dahinter stand der Gedanke, "das verwickelte demographische Mosaik" Mitteleuropas "zu entwirren" und die Nationalitätenfrage an der Nahtstelle zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn radikal zu lösen.

Polnische Bekanntmachung aus dem Jahr 1946 - Polskie ogłoszenie z roku 1946
Polnische Bekanntmachung aus dem Jahr 1946 - Polskie ogłoszenie z roku 1946

Als unmittelbare Folge des Zweiten Weltkriegs hatte man erkannt, daß nach den traurigen Erfahrungen der vergangenen Jahre und nach den Nazi-Verbrechen in den besetzten Ländern ein reibungsloses Zusammenleben mit einer deutschen Minderheit nicht mehr möglich war, einerlei, ob diese wie in Polen innerhalb der alten deutschen oder in neuen Staatsgrenzen lebte. Eine solche Lösung implizierte freilich das Prinzip der Kollektivverantwortung und fiel deshalb auf viele unschuldige Menschen, die nicht an Nazi-Verbrechen beteiligt gewesen waren. Diese Entscheidung wurde ohne deutsche Beteiligung oder auch nur Diskussion gefällt. Die bedingungslose Kapitulation, der Zerfall der staatlichen Strukturen des Dritten Reiches und schließlich die Besetzung durch die vier Siegermächte machte Deutschland über Jahre zu einem Spielball der internationalen Politik, zumal die Regierungsgewalt in den Händen des Alliierten Kontrollrats lag. Unter diesen Umständen konnte wohl keine bessere Lösung gefunden werden. Die Initiative und schließlich der kategorische Befehl zur Durchführung der Potsdamer Beschlüsse lag bei den Großmächten, die aktiv die europäische Nachkriegsordnung gestalteten. Für die technische Umsetzung der Umsiedlungsaktionen waren die Behörden der Aussiedlerländer verantwortlich - also Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und für das nördliche Ostpreußen um Königsberg die UdSSR.

In den frühesten polnischen Konzeptionen zur Nachkriegsgestalt des Landes war man sich darüber einig, daß Polen Gebietsgewinne im Westen und Norden, vor allem aber das westliche Oberschlesien (das sogenannte Oppelner Schlesien), Ostpreußen und die Freie Stadt Danzig brauchte und daß eine "strategische Begradigung" einiger Grenzgebiete nötig sei. Andere politische Kreise - wie etwa die Londoner Exilregierung - sahen dagegen einen anderen Grenzverlauf vor. Für die Oder-Neiße-Linie als kürzestmögliche Grenze zwischen Polen und Deutschland setzten sich zuerst Vertreter der Posener katholischen Intelligenz ein, die mit der Untergrundorganisation Ojczyzna (Vaterland) verbunden waren. Die Idee wurde von Politikern national-konservativer Parteien aufgegriffen und setzte sich allmählich auch in anderen politischen Lagern und bei den Kommunisten durch. Diese waren zwar anfänglich schwach und ohne Rückhalt in der polnischen Gesellschaft, konnten aber mit sowjetischer Unterstützung die Macht übernehmen, ihre territorialen Forderungen durchsetzen und den "Bevölkerungstransfer" in die Tat umsetzen. Zuerst kam für polnische Politiker eine Umsiedlung von Millionen Menschen deshalb nicht in Frage, weil man befürchtete, nach den demographischen Verlusten der Kriegsjahre und der Besetzung eine Aufsiedlung des Gebiets östlich der Oder mit polnischen Zuwanderern nicht bewerkstelligen zu können. Es wurde ins Auge gefaßt, nur einen Teil der deutschen Bevölkerung, vor allem aktive Nazis, umzusiedeln und die für das Wirtschaftsleben unerläßlichen Deutschen im Land zu behalten. Diesen Standpunkt gab man erst auf, als die Siegermächte die Umsiedlung als notwendige Voraussetzung der Nachkriegsgrenzziehung ansahen und darüber hinaus klar wurde, daß die USA und Großbritannien den sowjetischen Forderungen nach dem endgültigen Besitz der polnischen Ostgebiete zustimmen würden.

Vertreibung der Deutschen in Liegnitz - Wypędzenie Niemców w Legnicy
Vertreibung der Deutschen in Liegnitz - Wypędzenie Niemców w Legnicy

In der polnischen Gesellschaft stand man den Beschlüssen von Jalta und Potsdam größtenteils positiv gegenüber. Dazu trug nicht nur das tiefe antideutsche, besatzungsbedingte Trauma bei, sondern auch die Überzeugung, für die Gebietsverluste im Osten entschädigt werden zu müssen. Unter den 1945 hinzugewonnenen Gebieten kam den beiden schlesischen Provinzen hinsichtlich ihres Bevölkerungspotentials, ihrer Wirtschaftskraft und ihrer kulturellen Leistungen besondere Bedeutung zu. Mit mehr als 4,5 Millionen Einwohnern (mehr als 3 Millionen in Niederschlesien; 1,5 Millionen in Oberschlesien) lebten hier 1939 mehr als 50% der Einwohner der damaligen deutschen Ostgebiete. Hinzu kam, daß Oberschlesien in bezug auf kulturelle und nationale Zusammensetzung der Bevölkerung ein stark differenziertes Gebiet war. Ein hoher Prozentsatz der einheimischen Bevölkerung hatte sich trotz natürlicher oder späterer, staatlich gelenkter Assimilationsprozesse viele Elemente der traditionellen Volkskultur bewahrt und bediente sich im Alltag eines lokalen polnischen Dialekts. Trotz eines starken regionalen Eigenständigkeitsgefühls zeigten sich hier unterschiedliche Haltungen zur Nation, wie sie für ethnische Grenzgebiete typisch sind: von entschiedenen patriotischen Überzeugungen für die eine oder andere Seite bis zu einem geringen Grad von Nationalgefühl oder völliger Indifferenz. Im Krieg hatten die deutschen Niederlagen vor allem in der älteren und mittleren Generation der Oberschlesier zu einem Autoritätsverlust Deutschlands geführt, während sich die Jüngeren durch die nationalsozialistische Indoktrination stark mit dem Deutschtum verbunden fühlten.

Geldwechselstelle am Sammelplatz in Liegnitz - Punkt wymiany pieniędzy na punkcie zbornym w Legnicy
Geldwechselstelle am Sammelplatz in Liegnitz - Punkt wymiany pieniędzy na punkcie zbornym w Legnicy

Zum Zeitpunkt, als sich für Schlesien die Staatszugehörigkeit änderte, waren die Bevölkerungsverhältnisse unklar und lassen sich daher nicht genau bestimmen. Hier griffen einige parallel bzw. nacheinander ablaufende Prozesse ineinander. Die Bombardierungen in den westlichen und zentralen Provinzen des Reichs hatten zwar in den letzten Kriegsmonaten Schlesien einen Zustrom von Evakuierten gebracht, wodurch die Bevölkerungszahl des Gebiets trotz der eigenen Verluste um mehr als 10% gestiegen war. Als aber die Front näherrückte, flüchtete ein Teil der Bevölkerung panikartig aus dem Oppelner Schlesien und dem Gebiet um Breslau oder wurde auf Anordnung von NS-Stellen zwangsevakuiert. Einige Gegenden und vor allem die Städte waren damit weitgehend entvölkert. Die allzu spät eingeleitete und schlecht organisierte Evakuierung führte zu weiteren Verlusten in der Bevölkerung. Die in der Heimat Verbliebenen wurden Zeugen und Opfer aller Greueltaten des Krieges: Vergewaltigungen, Plünderungen, Requirierungen und manchmal auch blutiger Befriedungen durch die sowjetische Armee. Nachdem die Front weiter nach Westen gerückt war, wurden im Oppelner Schlesien die meisten Männer zwischen 16 und 60 Jahren interniert. Ein Teil von ihnen wurde in die UdSSR deportiert, andere leisteten Zwangsarbeit in Lagern, die an kriegswichtige Industriebetriebe angeschlossen waren. Im Frühjahr 1945, noch vor der Kapitulation, kehrte ein Teil der geflüchteten Bevölkerung zurück, was aber meistens nicht registriert wurde, zumal die schlecht bewachte, formal noch nicht anerkannte neue Grenze für die Grenzgänger kein Hindernis darstellte. Die Kriegswirren zerstörten die regionale Bevölkerungsstruktur. Der Anteil an Frauen, Kindern und Alten stieg überproportional hoch an. Die Deportationen und das Verbleiben vieler Männer im Westen schuf zusätzlich das große Problem geteilter Familien.

Liste eines Transport mit deutschen Vertriebenen aus Waldenburg - Lista transportu wypędzonych Niemców z Wałbrzycha
Liste eines Transport mit deutschen Vertriebenen aus Waldenburg - Lista transportu wypędzonych Niemców z Wałbrzycha

Die Rückkehr der Deutschen nach Schlesien verschärfte noch zusätzlich die Lage, weil zu dieser Zeit auch die ersten Transporte mit polnischen Umsiedlern aus den polnischen Ostgebieten eintrafen, vor allem aus den früheren Wojewodschaften Lemberg, Tarnopol, Stanislau und Wolhynien. Da es an Unterkünften fehlte, mußten oft Einheimische und Zugewanderte zusammen untergebracht werden, was insbesondere auf dem Lande, wo man auf einem Hof in einer Wohnung lebte, oft fatale Folgen hatte und Zündstoff für neue Konflikte lieferte.

Die zurückkehrenden Deutschen gaben sich sehr oft als Antifaschisten, Kommunisten und Sozialdemokraten aus. Dadurch erhofften sie, mit Unterstützung der sowjetischen Heereskommandantur, die faktisch in diesem Gebiet die Herrschaft ausübte, in ihrer Heimat bleiben zu dürfen. Diese Hoffnungen wurden aber durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz zerschlagen. Zu dieser Zeit verließen auch die meisten führenden KPD-Aktivisten mit Hilfe der Russen Schlesien und ließen sich in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands nieder.

Rückseite der Transportliste
Rückseite der Transportliste

Aber schon vor der Potsdamer Konferenz hatte sich die polnische Verwaltung bis zur Oder-Neiße-Linie ausgedehnt. In ersten Aktionen, die im Juni und Juli 1945 das polnische Heer durchführte, wurden die Deutschen aus einem 100-Kilometer-Streifen entlang der neuen Grenze ausgewiesen. Alles in allem entfernte man einige Hunderttausend Menschen aus Niederschlesien, Ostbrandenburg und Pommern westwärts der Oder. Wie aus späteren Rechenschaftsberichten hervorgeht, wollte man vollendete Tatsachen schaffen und ging deshalb chaotisch und ohne Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit vor. Um der Rückkehrbereitschaft weiterer Deutscher entgegenzuwirken, ordnete der oberschlesische Wojwode, General A. Zawadzki, im Juni an, widerspenstige Deutsche in Lagern zu internieren, als "lästige und schädliche Ausländer" zu behandeln und in die SBZ abzuschieben. Im Juli und August führten Miliz und Sicherheitsbehörden weitere Aussiedlungsaktionen durch. Sie betrafen in erster Linie enttarnte Nazis, aktive Mitglieder von NSDAP, SA und SS, Angestellte und Mitarbeiter der Gestapo (sogenannte "feindliche Elemente"). Später kamen Alte, Invalide, Kranke und Flüchtlinge aus anderen Gebieten hinzu (sogenannte "lästige Elemente"). Ihnen folgten Personen, die keinen Antrag auf nationale Verifikation stellten bzw. nicht ihre polnische Bürgertreue bekannten (s. unten). Die letzte Gruppe der Deportierten machten Fachkräfte aus, die in der Übergangsphase für das Wirtschaftsleben und den Wiederaufbau der Industrie unentbehrlich waren. Die Ausgesiedelten wurden teilweise in Gruppen von mehreren hundert bis zu mehreren tausend in Übergangslagern untergebracht, wie sie anfänglich in jedem Kreis bestanden (dafür nutzte man alte nationalsozialistische Arbeits- und Kriegsgefangenenlager). Andere wurden vor der Deportation an speziellen Etappenpunkten konzentriert. Anschließend wurden die Ausgesiedelten, die nur Lebensmittel und persönliche Güter bis zu 20 kg mit sich führen durften, mit der Eisenbahn an die Grenze transportiert. Um auch Einzelpersonen zu freiwilligen individuellen Ausreisen zu bewegen, boten die lokalen Behörden die beschleunigte Ausstellung der entsprechenden Dokumente und kostenlose Eisenbahnfahrten an. So umfaßte die erste Aussiedlungswelle bis Herbst 1945 ungefähr 450 000 Menschen aus Niederschlesien, 86 000 aus dem Oppelner Schlesien und 33 500 aus dem Teil Oberschlesiens, der schon vor dem Krieg zu Polen gehört hatte.

Seit 1946 fanden die Ausweisungsaktionen als organisierte Transporte unter internationaler Aufsicht statt. Ständige Pendelzüge in die sowjetische und britische Besatzungszone wurden eingerichtet. Polen war verpflichtet, die Transporte zu schützen sowie die sanitäre Ausstattung und die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Von der Ausweisung waren nun ganze Familien betroffen, die nicht getrennt werden durften. Außer reklamierten Facharbeitern sollten von der Aussiedlung schwangere Frauen, Mütter mit Säuglingen und Personen mit schweren Erkrankungen verschont bleiben. Die Ausgewiesenen durften soviel Gepäck mit sich führen, daß es "nicht die physischen Möglichkeiten der jeweiligen Person überschritt." Für Fahrten in die britische Zone erhielt man Verpflegung für vier Tage, in die sowjetische Zone für einen Tag gemäß der Lebensmittelkarte zweiter Kategorie. Ausführen durfte man anfangs 500, später 1 000 Reichsmark.

In der Praxis hielt man sich allerdings nicht immer an diese Vorschriften und Instruktionen. Viel hing dabei von der Haltung der polnischen Transportbegleiter ab. Einige waren durch Krieg und Besatzung verbittert und konnten ihren Haß gegenüber den auszusiedelnden Deutschen nicht verbergen. Sie wurden durch ein primitives Rachegefühl und den Wunsch, sich auf Kosten der Deutschen zu bereichern, geleitet. Schikanen und Raub waren nichts Außergewöhnliches. In den Erinnerungen der Aussiedler mußte diese Behandlung viel Leid und das Gefühl einer zusätzlichen persönlichen Unrechtserfahrung hervorrufen. Dabei wurden viele Ausgewiesene natürlich auch korrekt behandelt, ja, man zeigte ihnen sogar Hilfsbereitschaft und Sympathie, was in offiziellen Danksagungen deutscher Transportteilnehmer seinen Niederschlag fand.

Nachdem 1946 die Zahl der Ausgewiesenen mit 1,1 Millionen Personen aus Niederschlesien und 160 000 aus Oberschlesien den Höhepunkt erreicht hatte, verringerte sich in den folgenden Jahren die Zahl der Transporte und Ausgewiesenen allmählich. 1949 wurden die organisierten Aktionen eingestellt und die letzten Lager - Etappenpunkte in Leobschütz und Breslau-Hundsfeld - aufgelöst. 1950 siedelte man noch einmal in der sogenannten "Operation Link" mehr als 10 000 Personen aus. Insgesamt waren von der Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien bis 1950 nach polnischen Angaben 1 770 500 Personen aus Niederschlesien und 309 000 aus Oberschlesien betroffen (davon ungefähr 55 000 aus dem Ostteil). Nach deutschen Statistiken, in denen sicherlich auch früher Evakuierte und Flüchtlinge erfaßt sind, gelangten bis Ende 1946 fast drei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien in die vier Besatzungszonen, davon 1,31 Millionen in die sowjetische, 1,028 Millionen in die britische, 559 000 in die amerikanische und 18 000 in die französische. 1949 lebten in den beiden neugegründeten deutschen Staaten ungefähr 2,7 Millionen Schlesier, davon 1,65 Millionen in der Bundesrepublik einschließlich West-Berlin, wobei in diesen Zahlen auch am neuen Aufenthaltsort geborene Umsiedlerkinder berücksichtigt wurden. Insgesamt war der Anteil der Ausgewiesenen aus Schlesien proportional höher als aus den anderen nun polnischen Regionen: bei aller Divergenz in den Quellen lag der Anteil der Schlesier immer bei mehr als zwei Dritteln aller Ausgewiesenen.

Von der Zwangsaussiedlung war der größte Teil der polnisch-sprachigen Oberschlesier nicht betroffen. Der Standpunkt der polnischen Behörden war hier von Anfang an eindeutig: "Wir wollen nicht einen einzigen Deutschen behalten, aber auch keinen einzigen Polen abgeben." Dafür sollte die Nationalitätenwahl und die Verleihung der polnischen Staatsbürgerschaft mit Hilfe des Verifizierungs- bzw. Rehabilitierungsverfahrens sorgen. Man ging von dem Grundsatz aus, daß die örtliche, oberschlesisch sprechende Bevölkerung einen Teil des polnischen Volkes darstellte. Die Sprache war also das objektive Basiskriterium zur Feststellung der Nationalität. Hierbei mußte sich der Betreffende selbst um die Ausgabe einer provisorischen Bescheinigung, bzw. später um die Verleihung der ständigen Staatsbürgerschaft bemühen, indem er speziell vorbereitete Antragsformulare ausfüllte. Diese wurden dann von Verifikationskommissionen überprüft, in denen vornehmlich einheimische Polen saßen, die schon vor dem Krieg im Związek Polaków w Niemczech (Bund der Polen in Deutschland) aktiv gewesen waren. Das Kommissionssystem entsprach in seinem Aufbau der administrativen Gebietsstruktur. Höhere Instanzen konnten Entscheidungen auf niedrigerer Ebene überprüfen und gegebenenfalls über Abberufungen entscheiden. Unter den oberschlesischen Verhältnissen war eine präzise Trennung nach Nationalitäten jedoch nicht immer durchzuhalten. Bei der Durchführung kam es immer wieder zu Rechtsbeugungen, so daß Personen von zweifellos deutscher Nationalität positiv verifiziert oder oberschlesische Polen durch Entscheidungen zugewanderter Kommissionsmitglieder geschädigt wurden. Interessenkonflikte spornten häufig aus niedrigen materiellen Beweggründen zu negativer Verifikation an, was für den Nachbarn, den Mitbewerber um eine attraktive Wohnung oder einen Hof, der Ausweisung nach Deutschland gleichkam. Völlig unzureichend war die Verifikation in Niederschlesien organisiert: angesichts der Zersplitterung und des äußerst geringen Bevölkerungsanteils von Polen wurden Ortsansässige in die meisten lokalen und Kreiskommissionen nicht berufen. Es kam vor, daß Kommissionen erst gegründet wurden, nachdem ein Teil der Antragsteller schon ausgesiedelt worden war. Die aus Neuzuwanderern gebildeten Behörden machten keinen Hehl aus ihrem Haß gegen die autochthone Bevölkerung und versuchten sogar, die Verifikation zu sabotieren.

Trotz der komplizierten Bedingungen waren bis Ende 1949 in Oberschlesien 850 000 und in Niederschlesien 15 000 Personen positiv verifiziert, was mehr als 85% aller Verifizierten in den neuen westlichen und nördlichen Gebieten Polens, den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, ausmachte. Die Oberschlesier, die sich der Verifikation stellten, entschieden sich im allgemeinen nicht so sehr für Polen, sondern für ihre kleine, regionale Heimat. Von der Auswanderung wurden sie auch durch die schwierigen Lebensbedingungen im Deutschland der späten 40er Jahre abgehalten.

Die Möglichkeit, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten, war den ethnisch Deutschen durch ein besonderes, mehrmals novelliertes Dekret über den Ausschluß feindlicher Elemente aus dem polnischen Volk verwehrt. Erst 1951 wurde es außer Kraft gesetzt. Ausnahmen bestanden für Mischehen, wobei der deutsche Partner seine Treue gegenüber dem polnischen Staat erklären mußte und sich verpflichtete, seine Kinder in polnischem Geist zu erziehen. Es kam in dieser Zeit vor, daß neu geschlossene polnisch-deutsche Ehen auf Kritik der Medien stießen, die in ihrer Argumentation der nationalsozialistischen Rassentheorie mit umgekehrten Vorzeichen zum Verwechseln ähnelte. Wohlgemerkt, nur ein geringer Teil der ihrer Nationalität bewußten Deutschen, die polnisch und oberschlesisch sprachen und entsprechende Familienverbindungen hatten, bemühte sich um die neue Staatsbürgerschaft - und wenn, dann auch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Die Mehrheit sah angesichts der Nachkriegsarmut und der Feindseligkeit der polnischen Zuwanderer keine Möglichkeit für ein Leben als Bürger zweiter Klasse und wollte Polen verlassen.

In der Vorkriegswojewodschaft Schlesien stellte sich ein eigenes Problem dadurch, daß die Folgen der aus der Besatzungszeit stammenden deutschen Volksliste überwunden werden mußten. Hier galt das Verhalten in der Besatzungszeit als grundlegendes Kriterium. Abgesehen von besonderen Einzelfällen, mit denen sich die Gerichte noch einige Jahre beschäftigten, wurde durch ein Dekret vom August 1945 den Angehörigen der Gruppen III und IV der Volksliste (ungefähr 76%) die polnische Staatsangehörigkeit zuerkannt. Fälle aus Gruppe II unterlagen eingehender Untersuchung.

In Schlesien (hauptsächlich in Niederschlesien) blieben einige zehntausend reklamierte deutsche Facharbeiter mit ihren Familien zurück, die vor allem im Bergbau und der Lebensmittelindustrie beschäftigt wurden. Der größte Teil, fast 25 000, lebte im Waldenburger  Revier. Von den 50 000 deutschen Kriegsgefangenen in Schlesien wurden die meisten 1949 in die DDR entlassen.

Ein besonderes Problem waren die zerrissenen Familien. Allein in Oberschlesien gab es mehr als 22 000 Frauen mit fast 55 000 Kindern, deren Ehemänner bei Kriegsende in Deutschland geblieben waren. Eine Lösung wurde erst im Rahmen der Familienzusammenführung 1956 bis 1959 gefunden.

Nach der Beendigung von Ausweisung und Verifikation und nach der Verwaltungsreform betrug die Zahl der einheimischen Bevölkerung in den schlesischen Wojewodschaften nach der allgemeinen Volkszählung von Ende 1950: 418 251 Personen (52% der Gesamtbevölkerung) in der Wojewodschaft Oppeln, 350 160 (12,8%) in der Wojewodschaft Kattowitz, 83 421 in der Wojewodschaft Breslau und nicht ganz 5 000 in den historisch niederschlesischen Kreisen der Wojewodschaft Grünberg. Dies zeigt deutlich, daß der Schwerpunkt der Integrationspolitik in der Wojewodschaft Oppeln gelegen hat.

Von vorrangiger Bedeutung war die Aufgabe, die autochthone Bevölkerung in das staatliche und nationale Leben einzubeziehen, die polnische Hochsprache zu unterrichten und Wissen über Literatur, Geographie und zeitgenössische Probleme Polens zu vermitteln. Diese sogenannte Repolonisierungsaktion erreichte - die Schuljugend nicht mit eingerechnet - zwischen 1945 und 1951 mehr als 50 000 Menschen im Oppelner Schlesien. Schnellkurse zur Repolonisierung, wie sie vor allem für Erwachsene eingerichtet wurden, sollten Kräfte für die Lokalverwaltung, Büros, den volkseigenen Handel und für Bildungs- und Kulturarbeit ausbilden. In Oppeln gründete man im September 1945 das Gymnasium und Lyzeum für Erwachsene der Lehrergenossenschaft Oświata (Bildung). 1947 wurde es verstaatlicht und erreichte nun als Lyzeum für Repolonisierung vornehmlich ehemalige Schüler und Absolventen deutscher Schulen. Ähnliche Ziele verfolgten auch die Volksuniversitäten in Blottnitz, Wiengschütz, Schoffschütz, Zülzhoff und Lossen.

Als Ende der 40er Jahre die Stalinisierung immer größere Bereiche des polnischen Lebens erfaßte und man dem Land ohne Rücksicht auf historisch bedingte regionale Unterschiede das Modell eines zentralistischen, totalitären Staats aufzwang, wurden diese Arbeitsmethoden verworfen. Die "Repolonisierungsaktion", die mit großem Eifer begonnen worden war, erlosch, die meisten Volksuniversitäten wurden aufgelöst. Das schwierige Problem der Integration wurde von den höheren Stellen für entschieden und beendet erklärt. Seit dieser Zeit nahmen die Erziehungsprogramme keine Rücksicht mehr auf regionale Differenzierungen. Freilich prägte die autochthonen Schüler im Alltagsleben stärker der Kontakt mit ihrem Zuhause und dem familiären Umfeld als der Einfluß von Schule und Mitschülern aus Zuwandererfamilien. Die staatliche Integrationspolitik strebte faktisch nur nach schneller, völliger Assimilation. Da sie zu allem Übel bis 1956 nach dem unattraktiven, "realsozialistischen" Muster geführt wurde, war sie mit ihrer eindeutig anti-autochthonen Haltung zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. So kam es 1952 zu einem Ereignis, das die Ergebnisse der kaum abgeschlossenen Verifikation in Zweifel zog und die spärlichen Resultate der Integrationsmaßnahmen, die Enttäuschung und die Entfremdung von großen Teilen der autochthonen Bevölkerung gegenüber dem polnischen Staat offen zutage treten ließ: Während der umfassenden Ausstellung von Personalausweisen (paszportyzacja) bekannten sich ungefähr 70 000 Einwohner der Wojewodschaft Oppeln und 13 000 Personen aus der Wojewodschaft Kattowitz zur deutschen Nationalität oder Staatsbürgerschaft.

Mit der Möglichkeit, im Rahmen der Familienzusammenführung in den Westen auszureisen, setzte 1956 die Migration aus Polen ein, die bis zum Ende der 80er Jahre anhielt und nach und nach nicht nur den Prozentsatz, sondern auch die absolute Zahl der einheimischen Bevölkerung im Oppelner Schlesien sinken ließ.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der radikale Umbruch der ersten Nachkriegsjahre das alte, über Generationen entstandene soziale Netz in der Region zerriß, während sich der mühevolle Aufbau neuer Bezugspunkte in kulturell gemischten Gebieten als langfristiges Unternehmen erwies. Der plötzlich hereinbrechende Kalte Krieg, die jahrelange hermetische Abriegelung der Staatsgrenzen sowie die späteren Behinderungen internationaler Kontakte verzögerten den Prozeß der Aussöhnung und Heilung der Wunden.

LITERATUR:

V. ACKERMANN: Die Ansiedlung der Schlesier in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945. In: Oberschlesien als Brücke zwischen Polen und Deutschen, Evangelische Akademie Mülheim/Ruhr, Begegnungen 3/90, 1990; Z. KOWALSKI: Powrót Śląska Opolskiego do Polski. Opole 1988; Z. LEMPINSKI: Przesiedlenie ludności niemieckiej z województwa śląsko-dąbrowskiego w latach 1945-1950. Katowice 1979; J. MISZTAL: Weryfikacja narodowościowa na Śląsku Opolskim 1945-1950. Opole 1984; M. ORZECHOWSKI: Z dziejów polskiej ludności autochtonicznej na Dolnym Śląsku. Weryfikacja narodowościowa 1945-1949. In: Śląski Kwartalnik Historyczny Sobótka 4/1957; T. MUSIOLA (Hrsg.): Oświata na Opolszczyźnie 1945-1959. Katowice 1961; B. PASIERB: Migracja ludności niemieckiej z Dolnego Śląska w latach 1944-1947. Wrocław 1969; S. SENFT: Sytuacja polskiej ludności rodzimej na ziemiach zachodnich i północnych w latach 1945-1960. In: R. Rauziński, S. Senft (Hrsg.): Polska ludność rodzima na ziemiach zachodnich i północnych po II wojnie światowej, Teil I. Opole 1990; T. URBAN: Deutsche in Polen. Geschichte und Gegenwart einer Minderheit. München 1993.

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