Es war einmal ?

Anzeige: Biete Ruthenen, Galizier und russ. Polen...

Anzeige aus dem Centralblatt für die Zuckerindustrie, 1903

Polnische Arbeiter bauten den Teltowkanal:

Wenn heute die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer - auch auf dem Bau - kontrovers diskutiert wird, sollte man daran erinnern, daß es z.B. schon vor über 100 Jahren polnische Arbeiter waren, die für einen Hungerlohn die Trasse des Berliner Teltowkanals durch Sumpf und Sand geschaufelt haben. Zu Ihren Arbeitsbedingungen erlaube ich mir, den sozialdemokratischen "Vorwärts" vom 7. März 1903 zu zitieren:

"Besonders sind es die polnischen Arbeiter, die unter der Härte ihrer Schachtmeister zu leiden haben, denn andre Arbeiter halten sich schon an und für sich nur wenige Wochen am Kanal auf; sobald sie irgendeine andre Beschäftigung finden, gehen sie davon. Die Polen jedoch werden haufenweise aus ihrer Heimat geholt. Nachdem behördlich festgestellt ist, daß nichts gegen sie vorliegt (vielleicht Kontraktbruch), können sie sehen, wo sie ein Unterkommen finden. Da es am Kanal keine Baracken gibt, müssen sie froh sein, wenn die Bauern der umliegenden Dörfer wie Glienicke, Adlershof, Johannisthal usw. ihnen in ihren Scheunen einen Unterschlupf gewähren. ... Ihr Verdienst ist sehr gering. Bei einem Stundenlohn von 28 Pfennig können die Leute natürlich kaum den armseligen Lebensunterhalt bestreiten, sie sind gezwungen, Überstunden oder gar ganze Überschichten zu machen. Was die Behandlung betrifft, so sind Prügel nichts Seltenes; der Schachtmeisterknüppel spielt täglich seine "erzieherische" Rolle, ganz abgesehen von der Flut ausgesucht roher Schimpfworte, mit denen die Arbeiter Tag für Tag traktiert werden. Hat jemand das Leben am Kanal satt und fordert seine Entlassung, so wird er nicht selten durch Verweigerung sofortiger Lohnzahlung zum Bleiben bewogen, weil ihm gesagt wird, er könne seinen Lohn nicht vor Ablauf von vierzehn Tagen erhalten, und das, obgleich gar keine Kündigung besteht".

Allzuviel hat sich an den Beschäftigungsbedingungen vieler ausländischer Arbeitskräfte (bis auf die Prügelstrafe) bis heute nicht geändert. Geändert hat sich offensichtlich jedoch die Einstellung in der SPD und in Teilen der Gewerkschaften gegenüber ihren Kollegen. Seinerzeit gab z.B. die SPD noch die Gazeta Robotnicza - eine Zeitung für die polnischen Arbeiter in Deutschland heraus. Heute....