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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Tomasz Falecki, Tschenstochau

Irena Sroka, Oppeln

DIE DEUTSCHE MINDERHEIT IN DER WOJEWODSCHAFT SCHLESIEN

Die Anfänge der deutschen Ansiedlung in Oberschlesien gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Die zugewanderte deutsche Bevölkerung unterlag im Laufe der Jahrhunderte der sprachlichen Polonisierung, so daß bis zum 20. Jahrhundert nur wenige Inseln der mittelalterlichen deutschen Sprache übriggeblieben sind: vor allem die Gegend von Katscher, Kostenthal im Raum Cosel und Schönwald bei Gleiwitz. Die neuzeitliche Ansiedlung begann in der Zeit Friedrichs II.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Oberschlesien mit der Entstehung überregionaler deutscher und polnischer nationaler Bindungen der Nationalitätenkonflikt zu wachsen. Ein Teil der einheimischen Bevölkerung kam schrittweise zu einem Gefühl polnisch-gesamtnationaler Bindung, indem er sprachliche und konfessionelle Forderungen stellte. Dies war eine Folge der preußischen Diskriminierungspolitik gegenüber der polnischen Sprache und der katholischen Kirche, die als "Kulturkampf" bekannt wurde. Dabei trafen die preußischen Behörden vielfältige Maßnahmen, die auf die sprachliche und bewußtseinsmäßige Germanisierung der einheimischen Bevölkerung Oberschlesiens zielten, und unterdrückten gleichzeitig jegliche Äußerungen der polnischen Sprache und Kultur.

In dieser Situation entstand in Oberschlesien eine ganze Palette nationaler Haltungen. Zwischen der deutschen Nationalgruppe, deren Kern "die echten Deutschen" aus dem Westen oder die Nachkommen von Einwanderern bildeten, und der Gruppe mit polnischem Nationalbewußtsein gab es einen weiten Raum, den jener Teil der einheimischen Oberschlesier einnahm, bei dem das Bewußtsein der regionalen Bindungen über das entstehende deutsche oder polnische Nationalbewußtsein dominierte. Sprachlich war diese Gruppe polnisch. Sie bildete die sogenannte "Zwischenschicht", die in Abhängigkeit von der historischen Konjunktur zwischen Deutschtum und Polentum schwankte. In der Zwischenkriegszeit zählte diese Gruppe 20-25% der gesamten Bevölkerung.

Polnische Grenze in Oberschlesien
An der polnisch-deutschen Grenze in Oberschlesien 1922
Na granicy polsko-niemieckiej, na Górnym Slasku 1922 r.

In Oberschlesien konnten infolge der Schwächung des deutschen Staates nach dem Ersten Weltkrieg polnische Nationalbestrebungen verwirklicht werden. Als Ergebnis einer Volksabstimmung und der drei Schlesischen Aufstände wurde diese Region 1921/22 zwischen Polen und Deutschland geteilt. Der Ostteil Oberschlesiens wurde mit dem polnischen Teil des ehemals österreichischen Schlesien zusammengelegt. So entstand die autonome Wojewodschaft Schlesien mit der Hauptstadt Kattowitz.

In den Jahren 1918-1922 erreichten die nationalen Antagonismen in Oberschlesien eine zuvor unbekannte Intensität, was tiefe Spuren in der Mentalität der Bewohner dieser Region hinterlassen hat. Die deutsche Bevölkerung, alle "Deutschgesinnten", waren dadurch, daß ein Teil Oberschlesiens in polnische Herrschaft übergegangen war, zutiefst verbittert. Diese zuvor im deutschen Staat privilegierte Bevölkerung verlor mit der Änderung der Souveränität auch ihre Herrschaftsstellung und war gezwungen, sich mit der Rolle einer nationalen Minderheit zufriedenzugeben.

Die zahlenmäßige Stärke der deutschen Bevölkerung im polnischen Teil Oberschlesiens war in der Zwischenkriegszeit eine der strittigsten Fragen. Die Diskrepanz zwischen den deutschen und polnischen Schätzungen hatte ihre Ursache in den unterschiedlich postulierten Nationalitätskriterien. Die polnischen Wissenschaftler, Publizisten und Politiker benutzten das objektive sprachliche Kriterium, das für die polnische Seite günstig war, weil es die gesamte "Zwischenschicht" in das Polentum miteinbezog. Die deutsche Seite verwendete dagegen das subjektive Kriterium des Bewußtseins. Sowohl Polen als auch Deutschland suchten sich aber Auswahlkriterien nach politischer Opportunität aus. Die Anwendung unterschiedlicher Kriterien ergab voneinander abweichende Ergebnisse. Aus diesem Grund schwanken in der Fachliteratur die Schätzungen bezüglich der Anzahl der Deutschen zwischen 68 735 Personen (Volkszählung 1931) und 350 000 Personen (E. Ammende). Auch die Plebiszitangaben schaffen keine Klarheit, weil für Deutschland oder für Polen auch diejenigen stimmten, für deren Option die Regionalbindung dominierend war. In dieser Situation war die Intensität der propolnischen oder prodeutschen Sympathien in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen oder politischen Konjunktur veränderlich.

Glaubwürdiger scheint die Kirchenstatistik zu sein, nach der es 1933 in der Wojewodschaft Schlesien 149 153 deutsche Katholiken gab, zu denen die Deutschen protestantischen und jüdischen Bekenntnisses zu addieren wären. So kommt man auf eine Zahl um 200 000 Personen.

Die Geschichte der Deutschen in Oberschlesien spiegelte sich in der Sprache wider, die sie sprachen. Es war dies keine Volksmundart. Den nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführten Untersuchungen deutscher Wissenschaftler zufolge war die deutsche Sprache der Oberschlesier die in der Schule gelernte Hochsprache - mit niederschlesischen Elementen in Aussprache, Grammatik und Wortbildung. Die deutsche Sprache in Oberschlesien war mit Polonismen durchsetzt, besonders in der privat-gefühlsmäßigen Sphäre. Diese Sphäre ist gewöhnlich am konservativsten und unterliegt erst zuletzt dem Sprachwechsel. Das oberschlesische Deutsch des 20. Jahrhunderts wies auch keine Verbindungen mit den aus dem Mittelalter stammenden deutschen Sprachinseln auf.


Deutscher Bauernhof in Oberschlesien
Ein deutsches Bauernhaus in Wilmesau, Kreis Bielitz
Gospodarstwo niemieckie w Wilamowicach, pow. Bielsko

Die Stärke der deutschen Minderheit bestand jedoch nicht so sehr in ihrer Anzahl, als in ihrer gesellschaftlich-ökonomischen Bedeutung. Trotz des Wechsels der staatlichen Zugehörigkeit des östlichen Teils von Oberschlesien behielten dort die Deutschen ihre dominierende Stellung in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Der Großgrundbesitz war fast zur Gänze deutsch. Ähnliche Verhältnisse kennzeichneten die Großindustrie. 1927 waren bei einer Gesamtzahl von 3 593 Personen in Führungspositionen der Industrie 779 (= 21,88%) Polen, 2 710 (= 75,42%) Deutsche und 104 (= 2,9%) anderer Nationalität. Zur Veranschaulichung der Nationalitätenzusammensetzung der oberschlesischen Arbeiter fehlen genauere Daten.

Für die Jahre 1929-30 wird die Anzahl der deutschen Arbeiter im Bergbau des oberschlesischen Teils der schlesischen Wojewodschaft auf 10 000-11 000 Personen geschätzt (M. Grzyb; A. Hrebenda).

In den oberen Schichten der damaligen oberschlesischen Gesellschaft machten die Deutschen einen bedeutenden Anteil aus. Trotz des Anwachsens der polnischen Intelligenz, einheimischer wie zugewanderter, stellten die Deutschen 1935 zwischen 15% (Direktoren) und 35% (Verwaltungspersonal) der Führungskräfte in der Industrie. Um das Bild der gesellschaftlichen Bedeutung der Deutschen zu vervollständigen, wäre hinzuzufügen, daß die Gruppe der freien Berufe in der Anfangszeit der Zugehörigkeit Ostoberschlesiens zu Polen fast ausschließlich von ihnen eingenommen wurde. Diese Gruppe befand sich in scharfer Rivalität zu der eingewanderten polnischen Intelligenz. Im östlichen Oberschlesien fehlten größere Gruppen von deutschen Bauern. Von den friderizianischen Kolonien bestanden nur zwei größere Zentren im Raum Pleß als deutsche fort: Anhalt und Gacz.

Privates deutsches Gymnasium in Rybnik
Privates deutsches Gymnasium in Rybnik
Prywatne Gimnazjum Niemieckie w Rybniku

Die deutsche Minderheit, ihre Rechte und ihr Besitzstand waren durch eine ganze Reihe von Rechtsakten geschützt. Zum Zeitpunkt der Eingliederung Ostoberschlesiens in den polnischen Staat begann auf diesem Gebiet das Minderheitenabkommen (der sogenannte "kleine Versailler Vertrag") zu gelten, das Polen verpflichtete, die Rechte der nationalen Minderheiten zu schützen und Teil der Bestimmungen des Versailler Vertrags war. Diese Verpflichtungen garantierte der Völkerbund. Deutschland wurde zu gleichartigen Regelungen nicht verpflichtet. Die Tatsache dieser Ungleichmäßigkeit bewirkte, daß Polen sich bezüglich der nationalen Minderheiten bevormundet fühlte und das als empfindliche Einschränkung seiner Souveränität empfand.

Eine der Bedingungen, die Polen erfüllen sollte, um den ihm zuerkannten Teil des Abstimmungsgebietes zu bekommen, war der Abschluß eines angemessenenen Vertrages mit Deutschland über die Rechte der nationalen Minderheiten in Oberschlesien und das Weiterfunktionieren der Wirtschaft des bis dahin einheitlichen Gebietes. Diese vertragliche Übereinkunft wurde am 15. Mai 1922 in Genf auf 15 Jahre geschlossen (die sogenannte Genfer Konvention). Die Konvention sicherte der Minderheit volle Gleichberechtigung, Schutz der persönlichen Rechte, uneingeschränkte Freiheit des Gebrauchs der eigenen Sprache und freie Religionsausübung zu; sie garantierte außerdem Pressefreiheit und kulturelle Freiheit.

Chemiesaal des deutschen Gymnasiums in Rybnik
Im Chemiesaal des deutschen Gymnasiums in Rybnik
W sali chemicznej niemieckiego gimnazjum w Rybniku

Hinsichtlich des allgemeinen Schulwesens verpflichtete die Konvention die Behörden, staatliche Schulen einzurichten oder Kurse der Minderheitensprache zu organisieren, sie regelte die Prinzipien ihrer Gründung und Schließung. Im Falle des Schulwesens verquickten die rechtlichen Normen der Konvention zwei Nationalitätskriterien. Denn sie sah die Errichtung eines gesonderten Schulwesens für die sprachliche - und nicht die nationale - Minderheit vor und untersagte gleichzeitig kategorisch, die von den Eltern bei der Schulanmeldung deklarierte Sprache des Kindes in irgendeiner Form nachzuprüfen. Die Konvention regelte auch das Verfahren der Bildung von staatlichen Mittelschulen für die sprachliche Minderheit und garantierte Bestand und Tätigkeit des Privatschulwesens.

Verletzten staatliche Behörden eine beliebige Bestimmung der Konvention, so hatte die benachteiligte Minderheit ein Klagerecht gegen eine unrechtmäßige Entscheidung bei einer Appellationsinstanz, d.h. bei der Oberschlesischen Gemischten Kommission und beim Oberschlesischen Schlichtungsgerichtshof. Präsident der Gemischten Kommission wurde der Schweizer Dr. Felix Calonder. Er gab die Stellungnahme (avis consultatif) für den interessierten Staat ab. Die Berufungsinstanz war der Rat des Völkerbundes, bei dem die Klage auch direkt eingereicht werden konnte.

Plakat der Deutschen Wahlgemeinschaft
Plakat der Deutschen Wahlgemeinschaft, Wahlen zum Schlesischen Sejm 1930

Die innenpolitische Garantie der Minderheitenrechte war die Verfassung der Republik Polen von 1921 (Art. 109, 110; diese Bestimmungen wurden in der Verfassung von 1935 übernommen).

Nach dem Ablauf der Genfer Konvention verkündeten die Regierungen von Polen und Deutschland am 5. November 1937 eine gemeinsame Deklaration über den Umgang mit den Minderheiten. Darin wurde zugesagt, daß die staatlichen Behörden niemandem die Zugehörigkeit zur Minderheit streitig machen und diese auch nicht verbieten werden. Die Minderheiten waren verpflichtet, gegenüber dem Wohnstaat loyal zu sein.

Die Verkündung der Entscheidung des Botschafterrates bezüglich der Teilung Oberschlesiens im Oktober 1921 machte es notwendig, die Struktur der deutschen politischen Parteien zu ändern. Ende Dezember 1921 entstand die Deutsche Katholische Volkspartei, die die Anhänger und Funktionäre der Zentrums-Partei zusammenschloß. Die Hauptfunktionäre der DKVP waren Thomas Szczeponik, Eduard Pant, Bernhard Jankowski, Eugen Franz und der Priester Otto Krayczyrski. Das Vereinsblatt der DKVP war Der Oberschlesische Kurier, der in Königshütte herausgegeben wurde.

Eine zweite konservative deutsche Partei entstand im August 1922 als Zusammenschluß verschiedener liberal-konservativer Gruppierungen und nahm den Namen Deutsche Partei an. Parteivorsitzender wurde Johann Rosumek, und Hauptfunktionäre waren Otto Ulitz, Max Sabass, Franz Pietsch, Friedrich Warschawski, Paul Jarzembski, Erwin Kasper. Die Interessen der Partei artikulierte das älteste deutsche Kattowitzer Blatt, die Kattowitzer Zeitung. Gestützt wurde die DP durch Kreise des deutschen Großkapitals. Im Gegensatz zur DKVP, die eindeutig eine katholische Partei war, war die DP mit der deutschen evangelischen Unierten Kirche verbunden. Diese Parteien arbeiteten eng zusammen, was in ihrem Wahlbündnis Deutsche Wahlgemeinschaft zum Ausdruck kam. Wegen der Betonung oberschlesischer Elemente und der Sympathien eines Teiles der Geistlichkeit konnte die DKVP mit einem Teil der Stimmen der "Zwischenschicht" rechnen.

Plakat der Deutschen Wahlgemeinschaft
Plakat der Deutschen Wahlgemeinschaft, Wahlen zum Schlesischen Sejm 1930

Die deutschen Linken repräsentierte die Deutsche Sozialdemokratische Partei. Sie entstand als Zusammenschluß der deutschen Sozialdemokraten aus beiden Teilen der schlesischen Wojewodschaft. In den Jahren 1923-25 schlossen sich dieser Organisation ähnliche Parteien an, die im ehemaligen Westpreußen und in Lodsch tätig waren. Damals wurde der Name der Partei in Deutsche Sozialistische Arbeitspartei Polens geändert. Die Hauptfunktionäre der DSAP waren der Vorsitzende Johann Kowoll, seine Frau Alice Kowoll, Karl Buchwald und Sigismund Glucksmann. Innerhalb der DSAP prallten verschiedene Strömungen aufeinander, was sich in ihrer ziemlich schwankenden Haltung gegenüber der Zusammenarbeit sowohl mit den deutschen bürgerlichen Parteien wie auch mit den polnischen und jüdischen Sozialisten äußerte.

Ein Feld der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit der deutschen Organisationen im polnischen Oberschlesien war der Deutsch-Oberschlesische Volksbund zur Wahrung der Minderheitsrechte, später Deutscher Volksbund für Polnisch-Schlesien genannt. Die Gründungsinitiatoren dieser Organisation als Vertretung der Minderheitsinteressen kamen aus deutschen offiziellen Kreisen und der Deutschen Stiftung, einer Regierungsinstitution zur Unterstützung der Deutschen außerhalb des Reiches. Organisator und Führer des Volksbundes war Otto Ulitz.

Der Volksbund war ein Dachverband von Organisationen. Die Mitgliedschaft besaßen Bezirksvereinigungen, der natürliche Personen angehörten, sowie der Deutsche Bezirksschulverein, in dem die einzelnen Schulvereinigungen organisiert waren, der Deutsche Kulturbund, in dem 31 Kulturvereine zusammengeschlossen waren, und der Deutsche Wohlfahrtsbund mit deutschen karitativen Organisationen. Ebenso waren deutsche Sportvereine mit dem Volksbund verbunden. In finanzieller Hinsicht war der Volksbund völlig abhängig von Zuwendungen der Reichsregierung, die vermittelt über die Deutsche Stiftung angewiesen wurden. Seine Spitzenvertreter wurden wie zu Sonderaufgaben delegierte Staatsbeamte behandelt.

Alle bisher dargestellten deutschen Organisationen nahmen eine mehr oder weniger negative Haltung gegenüber der polnischen Staatlichkeit in Ostoberschlesien ein. Infolge einer direkten Intervention der Reichsregierung scheiterte der 1923 von Wojciech Korfanty unternommene Versuch, die konservativen deutschen Parteien in die polnische Regierungsmehrheit aufzunehmen. Korfantys Vorschläge hingen mit seiner Gesamtpolitik gegenüber den Deutschen zusammen, die eine deutsch-polnische Zusammenarbeit zum Ziel hatte, die auf einer loyalen Anerkennung der polnischen Souveränität durch die deutsche Minderheit basierte. Die in dieser Richtung während der ganzen Zwischenkriegszeit von Korfanty unternommenen Bemühungen waren wegen des mangelnden Interesses der deutschen Seite nicht erfolgreich.

Einige Schritte der Reichsregierung hatten ausdrücklich einen revisionistischen und dem polnischen Element im Oppelner Raum gegenüber repressiven Charakter, wie z.B. die Festnahmen und Prozesse ehemaliger schlesischer Aufständischer in den Jahren 1924-1926. Im Gebiet der Wojewodschaft Schlesien riefen sie eine Welle antideutscher Stimmung hervor, bei deren Verbreitung der Verband der Schlesischen Aufständischen und der Verband zur Verteidigung der Westgebiete an der Spitze standen. Unter ihrem Druck entschlossen sich die Wojewodschaftsbehörden dazu, die Büros des Volksbundes zu durchsuchen und einige seiner Funktionäre unter der Beschuldigung der Spionage und Beihilfe zur Fahnenflucht festzunehmen. Die Durchsuchungen ergaben kein Beweismaterial, und die Festgenommenen wurden schnell freigelassen.

Die Proteste der ehemaligen Aufständischen konnten die Unzufriedenheit eines großen Teils der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Lage nicht verdecken, durch die nostalgische Erinnerungen an den Wohlstand der Vorkriegszeit hervorgerufen wurden. Von so einer Situation zeugten die Kommunalwahlen 1926, in denen die deutschen Kandidaten, je nach Art der Zählung zwischen 42% und 47% der Stimmen bekamen.

Eine ernsthafte politische Veränderung erfolgte in der schlesischen Wojewodschaft - ähnlich wie in ganz Polen - nach dem Staatsstreich von Marschall Józef Pilsudski. Im September 1926 begann in Kattowitz ein neuer Wojewode zu amtieren: Michal Grazynski. Organisatorisch und ideologisch war er mit dem Verband der Schlesischen Aufständischen verbunden. Sein politisches Ziel in Schlesien war, die Gegner des Marschalls zu vernichten, hauptsächlich Korfanty, und die deutschen Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben maximal einzuschränken.

Eine der ersten Aufgaben des Volksbundes war, für die Entwicklung des deutschen Schulwesens zu sorgen. Mit dieser Aufgabe befaßten sich Thomas Szczeponik, Andreas Dudek und Richard Brey. Die Gründung möglichst vieler deutscher Schulen sollte einen Beweis für das Deutschtum des verlorenen Gebietes liefern, daher sammelte der Volksbund nicht nur im deutschsprachigen Milieu Anträge, sondern auch unter den polnischsprachigen Oberschlesiern. Diese Vorgehensweise forderte starken Widerspruch in der polnischen Öffentlichkeit heraus. Die schlechte wirtschaftliche Situation begünstigte die Propaganda der deutschen Organisationen. Die Anmeldung eines Kindes bei einer deutschen Schule war eine Art Protest gegen die ökonomische Wirklichkeit und die nichterfüllten Plebiszitversprechungen; außerdem konnte man bei einem eventuellen Arbeitsplatzabbau mit dem Wohlwollen der deutschen Betriebsverwaltung rechnen. Eine nicht geringe Rolle spielte auch die Absicht der Eltern, ihrem Kind gute Deutschkenntnisse zu sichern. 1924 erlangte der Volksbund von den Wojewodschaftsbehörden eine ganze Reihe von Zugeständnissen in Fragen des Schulwesens. Die Anzahl der Kinder, die bei den Minderheitsschulen angemeldet wurden, wuchs schnell. 1926 wurden bei den deutschen Schulen 8 560 Schüler an- und umgemeldet. Dies betrachteten die Wojewodschaftsbehörden als Niederlage des Polentums und schauten sich die Anmeldeanträge näher an. Die Anträge, in denen die Eltern die Sprache des Kindes als Polnisch oder Polnisch und Deutsch angegeben hatten, wurden aus formellen Gründen annulliert.

Der Volksbund reichte eine Klage ein und gewann in der Sache die Unterstützung Calonders. Die polnische Regierung stimmte seinem avis nicht zu, infolgedessen kam der Streit auf das Forum des Völkerbundsrates, welcher zuließ, die Kinder, die in den Anmeldeanträgen als polnischsprachig bezeichnet wurden, einer Sprachfeststellung zu unterziehen. Die Untersuchungen führte ein Schweizer Experte, Wilhelm Maurer, durch. Mit der Zustimmung des Völkerbundsrates setzte er die Prüfungen noch im nächsten Jahr fort. Die deutsche Regierung wandte sich dann an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, um eine verbindliche Auslegung der betreffenden Bestimmungen der Genfer Konvention zu erlangen. Der Gerichtshof erkannte, daß die Kinder, die nach den Anträgen nur Polnisch sprachen, eine polnische Schule besuchen sollten, und untersagte gleichzeitig jegliche Sprachprüfungen. Der Streit um "Maurers Kinder" endete damit jedoch nicht, denn 1928 ließen die Behörden die Kinder, die zuvor von Maurer mit negativem Ergebnis examiniert worden waren, nicht zu deutschen Schulen zu. Der Volksbund reichte in dieser Sache eine Klage ein, die alle oberschlesischen Instanzen durchlief und sich über den Völkerbundsrat wieder im Haag einfand. Das 1931 gefällte Urteil wies die polnische Auslegung zurück und bestätigte damit das uneingeschränkte Recht der Erziehungsberechtigten des Kindes auf Bestimmung seiner sprachlichen Zugehörigkeit.

ie Nichtzulassung eines Teils der eingeschriebenen Kinder zu den deutschen Schulen führte zu Schulstreiks, diese wiederum zu Strafen für die widersetzlichen Eltern wegen Verletzung der Schulpflicht.

Die Aktivitäten der Kampfgruppen des Verbandes der Aufständischen gegen die polnische Anti-Sanacja-Opposition und die deutsche Minderheit gewannen 1927 den Beigeschmack eines politischen Skandals. Der schlesische Sejm berief eine Sonderkommission, die aus Vertretern der Christdemokraten und des Deutschen Klubs bestand. Der Deutsche Klub wollte jedoch mit der polnischen Opposition nicht zusammenarbeiten und zog sich von den Arbeiten der Kommission zurück, unter dem Vorwand, eine gesonderte Klage bei der Gemischten Kommission eingereicht zu haben.

Die Vorfälle im Zusammenhang mit den Ausschreitungen der Aufständischen bildeten keine reale Bedrohung für die Deutschen. Sie waren jedoch äußerst schädlich für das Polenbild in der damaligen Welt. Die Aufständischen machten es auf diese Weise leichter, Legenden vom Martyrium und den Leiden der deutschen Minderheit zu schaffen. Der Volksbund war darauf bedacht, sogar die geringsten Streitigkeiten nicht auf gütlichem Wege beizulegen, sondern sie auf das Forum des Völkerbundes zu bringen. So waren die Nationalitätenprobleme Oberschlesiens stets in der Welt der europäischen Diplomatie präsent.

In den Jahren 1929-1931 bemühte sich der Wojewode Grazynski, die deutschen Einflüsse mittels verschiedener Repressionsmaßnahmen einzuschränken. Unter der Beschuldigung der Beihilfe zur Fahnenflucht vom Militär wurde Otto Ulitz festgenommen, zu einem Zeitpunkt, als er infolge der Auflösung des schlesischen Sejms die Immunität als Abgeordneter verloren hatte. Das Verfahren endete für ihn erfolgreich: er wurde mangels Beweisen freigesprochen. Während der Wahlkampagnen 1930 machten die Aufständischen wieder gegen die Deutschen und die polnische Opposition mobil. Der Volksbund reichte Klage gegen den antideutschen Terror ein. Nach den Wahlen protestierte auch die Reichsregierung. Der Völkerbundsrat befaßte sich mit der Sache, erkannte die Stichhaltigkeit der Klage an und forderte die polnische Regierung auf, eine Klarstellungserklärung abzugeben.

Die große Wirtschaftskrise der 30er Jahre verschärfte alle in der oberschlesischen Realität steckenden Gegensätze. Die Verschärfung der Nationalitätengegensätze war angesichts der Krise eine sekundäre Erscheinung und diente in gewissem Maß ihrer Kompensierung. Die Krise ermöglichte den staatlichen Behörden, einen bedeutenden Teil der großen Industriebetriebe zu verstaatlichen und verschärfte den Kampf um die Arbeitsplätze. Beide Nationalitätengruppen beschuldigten sich gegenseitig, den Personalabbau nach einem ethnischen Schlüssel vorzunehmen.

Der Hitlersche Umsturz im Reich rief große Erregung unter den Deutschen in Oberschlesien hervor. Obwohl der Volksbund vom politischen Radikalismus und Antisemitismus Abschied nehmen wollte, konnte er sich der siegenden politischen Strömung nicht entgegenstellen. Diese Organisation war allzu unselbständig und mit deutschen staatlichen Organisationen finanziell zu verbunden, um eine oppositionelle Haltung gegenüber einer wie auch immer gearteten deutschen Regierung einzunehmen.

Ausweis der Deutschen Arbeiter Partei / NSDAP
Ausweis der Deutschen Arbeiter Partei / NSDAP
Legitymacja Niemieckiej Partii Pracowników / Narodowo-socjalistycznej Niemieckiej Partii Pracowników

Die Unterstützung des Hitlerschen Umsturzes durch den Volksbund löste den Bruch zwischen bis dahin einträchtig miteinander zusammenarbeitenden Gruppierungen aus. Ausdrücklich trennte sich vom Hitlertum Eduard Pant, der nach dem Tod Szczeponiks DKVP-Führer geworden war. Nach seinem Austritt aus dem Volksbund änderte er den Namen der Partei in Deutsche Christliche Volkspartei (DChVP) und strebte an, ihre Einflüsse über streng konfessionelle Kreise hinaus auszuweiten. Ähnlich gab die DSAP ihre Zusammenarbeit auf und brach mit dem Volksbund.

Bereits Anfang 1932 war Pant gegenüber dem Wojewoden Grazynski mit einem Vorschlag zur Zusammenarbeit aufgetreten, unter der Bedingung, daß dieser seine bisherige Einstellung zu den Deutschen ändere. Nach dem Hitlerschen Umsturz gab er im März 1933 eine Loyalitätserklärung gegenüber dem polnischen Staat ab. In seinem Blatt Der Deutsche in Polen (den Oberschlesischen Kurier hatte er durch den Bruch mit dem Volksbund verloren) rief er zur Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens zwischen Polen und Deutschen in Oberschlesien auf.

Die Machtergreifung durch Hitler in Deutschland rief die größte Begeisterung in den Reihen der Jungdeutschen Partei hervor. Diese Partei, die seit 1922 in Bielitz und Umgebung tätig war, gewann bis 1932 keine größere Popularität. Das Programm und die Struktur dieser Partei hatten nationalsozialistischen Charakter. Der Führer der JdP war der Ingenieur Rudolf Wiesner aus Bielitz. 1933 begann sich diese Organisation schnell zu entwickeln, neue Bezirksgruppen entstanden, es wurde begonnen, ein eigenes Vereinsblatt, Der Aufbruch, herauszugeben.

Die Hitlersche Bewegung besaß große Anziehungskraft für die Deutschen im polnischen Oberschlesien. Extrem nationalistische Parolen mit rassistischem Charakter waren die Kompensation für den Verlust des Status einer privilegierten Gruppe und beriefen sich auf die Erinnerungen an frühere Antagonismen und nationale Vorurteile, die sich in diesem Gebiet seit der Zeit des Kulturkampfes angehäuft hatten. Aus diesem Grunde begannen diejenigen deutschen Gruppierungen, die gegen den Nationalsozialismus auftraten, ihren Einfluß in der deutschen Gesellschaft schnell zu verlieren. 1937 erlag die DSAP fast gänzlicher Auflösung, und die DChVP vegetierte bis 1939 dahin und spielte fast keine politische Rolle mehr.

Die deutsch-polnische Nichtangriffserklärung von 1934 brachte eine Angleichung der Führer des Volksbundes und der JdP an die politische Linie des Reiches in Gang. Im November 1934 wurde ein Kompromiß bezüglich der Schulanmeldungen eingegangen, nach dem paritätische deutsch-polnische Kommissionen zur Prüfung der Deutschkenntnisse der Kinder berufen wurden.

Grazynski unterstützte die deutschen Gegner Hitlers nicht; er versuchte dagegen, eine regierungsfreundliche deutsche Organisation - den Deutschen Kultur- und Wirtschaftsbund - zu gründen, die jedoch keinen größeren politischen Einfluß gewann.

Infolge des Bedeutungsverlustes der Anti-Hitler-Gruppierungen wurden der Volksbund und die JdP die einzige reale Kraft unter den Deutschen im polnischen Oberschlesien. Zwischen diesen Gruppierungen entflammten, trotz der sie verbindenden Liebe zu Adolf Hitler, scharfe Kämpfe. Jede der Konfliktparteien wollte die oberschlesischen Deutschen unter der eigenen Führung "gleichschalten". Die JdP war die angreifende Partei und warf Ulitz politischen Konjunkturalismus vor. Diese Rivalität, ähnlich wie auch die Spaltungen innerhalb der JdP, führte nicht zu einer gegenseitigen Schwächung. Im Gegenteil, dieser Kampf aktivierte die gesamte deutsche Gesellschaft und trug letztendlich zur Stärkung der totalitären Kräfte bei.

In den Jahren 1933-1936 deckte die Polizei mehrere geheime nationalsozialistische Organisationen mit Umsturz- und Subversionscharakter auf. Legal tätig war dagegen unter den deutschen Bürgern, die die schlesische Wojewodschaft bewohnten, die sogenannte Reichsdeutsche Kolonie der NSDAP. In diesem Milieu wurde seit 1936 eine Abteilung der Hitlerjugend organisiert.

Sowohl der Volksbund als auch die JdP traten mit der Forderung auf den Plan, der deutschen Minderheit einen speziellen Status, das sogenannte Volksgruppenrecht, zu verleihen. Diese Forderung stand im Zusammenhang mit dem Auslaufen der Genfer Konvention 1937. Da ihre Erfüllung zur Entstehung von nationalsozialistischen Enklaven im Staat geführt hätte, wies die polnische Regierung die vorgeschlagenen rechtlichen Regelungen zurück.

Grazynski setzte die Politik der Einschränkung des deutschen Besitzstandes in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens fort. Nach der Deklaration vom 5. November 1937 unterlag diese Politik keinen Veränderungen. Die Zahl der deutschen Schulen und ihrer Schüler sank. Grazynski betrieb eine Politik der Gegenseitigkeit, die darauf beruhte, die Vorgehensweise gegenüber den Deutschen in der Wojewodschaft Schlesien von der Politik der deutschen Behörden gegenüber der polnischen Minderheit im Oppelner Raum abhängig zu machen.

Die deutschen Minderheitenorganisationen übertrieben bewußt alles erfahrene Unrecht. Die polnischen Behörden und Organisationen halfen unbewußt bei dieser Propagandakampagne, indem sie mit ihren Maßnahmen und, häufiger, mit ihren Äußerungen der Propaganda den Stoff lieferten. In Wirklichkeit nahmen die Deutschen immer noch eine bedeutende Stellung in der oberschlesischen Gesellschaft ein. In fast jeder Ortschaft waren zahlreiche deutsche kulturelle und gesellschaftliche Organisationen sowie Sportvereine tätig, die deutsche Sprache war überall zu hören, in den Kinos wurden Filme in deutscher Originalfassung vorgeführt. Die Wahrheit lag wie fast immer in der Mitte. Die Lage der oberschlesischen Deutschen war nicht so schlecht, wie ihre eigene Propaganda verkündete, und nicht so gut, wie das die polnischen Behörden darstellten.

Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland und dem Abschluß des Münchner Abkommens 1938 hegten die oberschlesischen Deutschen die allgemeine Hoffnung, daß die Wiedererlangung des verlorenen Teils Oberschlesiens das nächste politische Ziel Hitlers würde. Diese Stimmungen bewirkten, daß sich die politischen Unterschiede zwischen dem Volksbund und der JdP fast völlig verwischten. Die nächsten von Deutschland vollzogenen Annexionen wurden als Akt der Gerechtigkeit dem von den Siegern in Versailles benachteiligten deutschen Volk gegenüber begrüßt.

Bei der Beurteilung des deutsch-polnischen Konflikts 1939 stand die gesamte deutsche Presse auf der Seite des Reiches, ausgenommen das Vereinsblatt der DChVP, Der Deutsche in Polen. Die Verwaltungsbehörden beschlagnahmten die Auflagen der Zeitungsausgaben, in denen sich besonders gehässige polenfeindliche Ausfälle fanden. Im Mai 1939 wurde der Vertrieb der aus dem Gebiet Deutschlands eingeführten Presse erheblich eingeschränkt.

Die gespannte politische Situation und die deutsche Propaganda, die einen schnellen Zusammenbruch Polens verkündete, riefen eine Welle illegaler Auswanderung nach Deutschland hervor. Das war eine komplexe Erscheinung, sie umfaßte nämlich sowohl die illegale Auswanderung von Arbeitslosen auf der Suche nach Arbeit wie auch das Desertieren von Vormilitärpflichtigen und aktiven Soldaten. Ihre größte Intensität erreichte die Flucht im Zeitraum April - Juni 1939. Im Mai errichteten die deutschen Behörden für die Flüchtlinge ein spezielles Lager in Gogolin, wo sie einer intensiven nationalsozialistischen Indoktrination unterzogen wurden. Die Flüchtlinge wurden militärisch geschult: man bildete aus ihnen spezielle Einheiten, die dann in den ersten Septembertagen die Kampfgruppen der Freikorps verstärkten.

Trotz der Tatsache, daß die subversive Tätigkeit der deutschen Organisationen vorher schon der polnischen Abwehr bekannt war, zögerte die polnische Regierung, ihr die Zügel anzuziehen, da sie die deutsch-polnischen Beziehungen nicht zusätzlich belasten wollte. Erst am 15. August 1939 fing man an, die einzelnen Subversionszentren zu liquidieren. Gefunden wurden einige geheime Waffen- und Munitionslager, u.a. hinter dem Altar der evangelischen Kirche in Siemianowitz. Interniert und festgenommen wurden ca. 1 500 Personen. Otto Ulitz und Rudolf Wiesner flüchteten zu dieser Zeit ins Reich, um alsbald nach der Besetzung des Gebietes durch die deutschen Truppen im September wieder zurückzukommen. Die deutsche Minderheit erklärte sich dann zur Mehrheit und sprach den Polen das Existenzrecht in Oberschlesien ab.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen im Gebiet Oberschlesiens in den Jahren 1922-1939 ist das Beispiel einer verpaßten Chance gegenseitigen Verstehens, und, was daraus folgt, gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz der nationalen Eigenarten. Alle Probleme des Lebens des einzelnen und der Gesellschaft wurden vom nationalen Standpunkt aus betrachtet und nach dem sich für die jeweilige Nationalgruppe ergebenden Nutzen bewertet. Die "Zwischenschicht" wiederholte die Parolen der aktuell stärkeren Gruppe. Der oberschlesische Schutz der nationalen Minderheiten ging seiner Zeit voraus; im Grunde genommen konnte er im Zusammenprall mit nationalistischen Leidenschaften nicht funktionieren. Angesichts der deutlichen Indizien für die Unloyalität seitens der Führer der deutschen Minderheit und der unveränderlichen Bestrebungen der Reichsregierung nach einer Revision der Bestimmungen des Versailler Vertrages fühlte sich die polnische öffentliche Meinung in ihren Eigentumsrechten an Oberschlesien ständig bedroht. Der Aufbau von Vertrauen, wie von Pant gefordert, war in einer Atmosphäre des wachsenden Chauvinismus und der immer mehr eingeschränkten Demokratie nicht möglich.

Anhang I

Das deutsche Schulwesen der Minderheit
im oberschlesischen Teil der Wojewodschaft Schlesien
SchuljahrSchulenKinderJugendliche
in Mittelschulen
1922/236823.6042.970
1923/248521.8833.052
1924/259322.2432.836
1925/269723.8063.106
1926/2710023.6253.144
1927/2810023.5023.010
1928/298920.4792.670
1929/308518.1882.632
1930/31388a)17.1632.492
1931/32353a)16.2032.344
1932/33336a)15.6932.168
1933/347013.7241.727
1934/356713.0041.313
1935/366411.1291.183
1936/37599.659964
1937/38528.287783
1938/39436.114616

a) In den Jahren 1930-1933 wurde statt der Anzahl der Schulen die Anzahl der Schulklassen angegeben.

Quelle: T. Falecki: Niemieckie szkolnictwo mniejszosciowe na Górnym Slasku w latach 1922-1939 [Deutsches Minderheitsschulwesen in Oberschlesien 1922-1939]. Katowice-Krak√≥w 1970.

Anhang II

Die deutsche Minderheit im oberschlesischen Teil der Wojewodschaft Schlesien bei den Wahlen zum Schlesischen Sejm
Wahlen zum I. Schlesischen Sejm 1922
Deutsche Katholische Volkspartei und Deutsche Partei62.668 (26,4%) Stimmen
deutsche Sozialisten19.789 (5,2%) Stimmen
insgesamt82.457 (31,6%) Stimmen
Wahlen zum II. Schlesischen Sejm (11.5.1930) - oberschlesische Wahlkreise -
Deutsche Wahlgemeinschaft131.541 (35%) Stimmen
deutsche Sozialisten14.466 (4,3%) Stimmen
insgesamt147.107 (39,3%) Stimmen
Wahlen zum III. Schlesischen Sejm (3.11.1930) - oberschlesische Wahlkreise -
Deutsche Wahlgemeinschaft72.900 (21,5%) Stimmen
deutsche Sozialisten6.433 (1,9%) Stimmen
insgesamt79.333 (23,4%) Stimmen

Bei den Wahlen zum IV. Schlesischen Sejm empfahlen die deutschen Gruppierungen, für die Proregierungslisten zu stimmen. Die Wahlordnung ließ politische Parteien zur Teilnahme an den Wahlen nicht zu.

Quelle: H. Rechowicz, Sejm Slaski 1922-1939. Katowice 1965; Tab. I-XI nlb.

LITERATUR:

  • T. FALECKI: Niemieckie szkolnictwo mniejsciowe na Górnym Slasku w latach 1922-1939. Katowice/Kraków 1970;
  • T. FALECKI, I. SROKA: Sytuacja spoleczno-kulturalna mniejszosci niemieckiej na Górnym Slasku. Aspekt historyczny (maschinengeschriebenes Manuskript, Uniwersytet Slaski, Instytut Socjologii);
  • [GENFER KONVENTION:] Dz.U. RP [Gesetzblatt Republik Polen] 1922, Nr. 45, Pos. 370;
  • C. GRAF VON KROCKOW: Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990. Hamburg 1992;
  • N. REITER: Die polnisch-deutschen Sprachbeziehungen in Oberschlesien. Berlin 1960;
  • R. STANIEWICZ: Mniejszosc niemiecka w województwie Slaskim 1922-1933. Katowice 1969;
  • A. SZCZEPANSKI: Górny Slask w swietle wykonania konwencji genewskiej. Warszawa 1929;
  • A. SZEFER: Mniejszosc niemiecka w Polsce i w Czechoslowacji w latach 1933-38. Katowice/Kraków 1967;
  • R. WIESNER: O unormowaniu stosunków niemieckiej grupy narodowej do panstwa. Bielsko 1937.
Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X