Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Klaus Bzdziach, Berlin

Einführung

Dieses Buch ist kein Nachschlagewerk über Schlesien oder Berlin/Brandenburg. Es ist eine Sammlung von Beschreibungen, Zeitzeugnissen und Bewertungen der Zeit von 1740 bis heute, die es leichter machen soll zu verstehen, was diese beiden Regionen und ihre Bewohner verbindet, und was sie trennt. Dazu stehen im Hintergrund immer die klassischen Fragen: was war? - was ist? - was soll werden?

Es fängt ganz einfach an. Schlesien ist heute polnisch. Es war vorher jahrhundertelang deutsch. Diese Feststellungen sind, jede für sich, schon mehr, als viele wahrhaben wollen. Etliche Jahre sind damit verbracht worden, Beweise zusammenzutragen, daß Schlesien eigentlich noch immer deutsch ist bzw., daß es eigentlich schon immer polnisch war. Es wurden Germanen und Slawen aus Urzeiten bemüht und der Zeitpunkt des "Eintritts in die Geschichte" willkürlich gewählt, wie es gerade opportun war. In gleicher Weise wurde auf beiden Seiten gern eine "passende" Auswahl getroffen, wenn der weitere Ablauf der Geschichte präsentiert wurde. In polnischen Standarddarstellungen klaffte oft eine riesige Lücke zwischen dem Ende der Piasten und dem Jahr 1939, wenn nicht gar der Konferenz von Potsdam. Spezialisten wußten natürlich Bescheid, aber in der breiten Öffentlichkeit herrschen bis heute nur undeutliche Vorstellungen über die Zwischenzeit. Wenn man in Breslau im Hotel sitzt und im freundlicherweise dort ausgelegten Branchenbuch der Stadt von 1994 blättert, liest man in der Geschichtsübersicht, daß Schlesien zweihundert Jahre "preußisch besetzt" war, und muß aus dem Zusammenhang glauben, daß dies so ähnlich wie in der Provinz Posen eine Zeit der Fremdherrschaft über eine vorwiegend polnische Bevölkerung war. Das durchschnittliche Interesse auf deutscher Seite war zumeist entsprechend umgekehrt ausgerichtet. Es setzte selten vor der mittelalterlichen Ostkolonisation ein, war geneigt, fortbestehende slawische Elemente auszublenden, und erlosch gewöhnlich 1945, beim "Untergang".

Dieser historische Bruch in Schlesien war mit Vertreibung und Neubesiedlung auf der faktischen Ebene radikal; bei der geistigen Bewältigung weniger. Die Deutschen wollten möglichst ihre Traditionen fortführen, die Polen nicht völlig bei Null anfangen, da sie ja in, wie es offiziell hieß, "wiedergewonnene" Gebiete gekommen waren. Das führte zu Unsicherheiten, wie man z.B. an Jubiläen sehen kann. So wurden in letzter Zeit in Breslau "50 Jahre Breslauer Oper", aber "100 Jahre elektrische Straßenbahn in Breslau" gefeiert, obwohl beide Einrichtungen in etwa aus derselben Epoche stammen. Bei der Technik entsteht vermutlich leichter ein Gefühl der Kontinuität als bei der Kultur. So wurde auch zum Gedenken an die Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Brieg und Oppeln von den Polnischen Staatsbahnen 1993 eine Plakette am Oppelner Hauptbahnhof angebracht. Im Bereich der Kultur wurde andererseits in Breslau das Schillerdenkmal wiederaufgestellt und eine Ehrentafel für die mit der Universität verbundenen deutschen Nobelpreisträger angebracht. Auch bei den vertriebenen deutschen Schlesiern gibt es unterschiedliche Bewußtseinslagen. Der Jahrestag der Volksabstimmung in Oberschlesien wird nach wie vor festlich begangen, von Deutschen in Deutschland, wenn auch nur noch alle fünf Jahre. Und echte Bunzel-Keramik kann für manche Leute heute keinesfalls aus Bunzlau, sondern höchstens aus Bayreuth oder aus Siershahn im Westerwald kommen. Auf der anderen Seite wird der vom Land Niedersachsen gestiftete Kulturpreis Schlesien jetzt durchaus auch an polnische Schlesier verliehen. So schwanken beide Seiten zwischen Abgrenzung und Vereinnahmung.

Der Kalte Krieg ist vorbei, die "Erlebnisgeneration" stirbt allmählich aus, die Phase der Konfrontation ist überwunden. Wir sind auf der Suche nach neuen, angemessenen Umgangsformen. Dabei möchte man Leisetreterei ebenso vermeiden wie einen Auftritt als Elefant im Porzellanladen. Deutsche schlüpfen leider leicht in die Rolle des Besserwissers und gehen Polen damit auf die Nerven. Auch gibt es peinliche Situationen beim Heimwehtourismus. Polen andererseits begegnen dem anhaltenden Interesse von Deutschen an ihren verlorenen Ostgebieten oft mit Unverständnis und Mißtrauen oder mißachten das Erbe, das sie übernommen haben. Das ist nicht unbedingt böser Wille, sondern oft einfach Unkenntnis, manchmal auch ein Nichtwissenwollen, weil es so bequemer ist. Gegen diese Arroganz der Ignoranz zu kämpfen, auf beiden Seiten, ist ein Grundanliegen unseres Projektes. Dazu wollen wir helfen, die "weißen Flecken" zu beseitigen, fehlende Informationen auszutauschen.

Ein Beispiel ist der Zustand Schlesiens 1945 - was von den Deutschen verlassen wurde, unterscheidet sich stark von dem, was von den Polen vorgefunden wurde. Da große Teile Schlesiens lange von direkten Kriegseinwirkungen verschont geblieben waren, haben viele Deutsche, die vor der herannahenden Roten Armee flüchteten, im Gedächtnis behalten, daß sie ziemlich intakte Städte und Landschaften verließen. Es kam daher leicht zu der Vorstellung, daß die Polen sich sozusagen an einen gedeckten Tisch setzen konnten, sich gut erhaltenes fremdes Eigentum aneigneten und einigermaßen mühelos den Betrieb wieder in Gang setzen konnten. Daß das nicht klappte, konnte der "polnischen Schlamperei" angelastet werden. In Wirklichkeit sorgten der deutsche Rückzug mit der Erklärung wichtiger Städte zu "Festungen" und der Taktik der "verbrannten Erde" sowie die eigentlichen Kämpfe und danach Zerstörungen und Demontagen der sowjetischen Sieger dafür, daß die neuangesiedelte polnische Bevölkerung vielfach nur Ruinenstädte, in denen nichts mehr funktionierte, und völlig verwüstete Landschaften, in denen wegen der starken Verminung die landwirtschaftliche Tätigkeit noch jahrelang lebensgefährlich war, vorfand.

Nun war die ganze Zeit von Schlesien die Rede und nicht von Berlin/Brandenburg. Jenes ist offenkundiger ein "Objekt der Begierde" als dieses. So wurde es denn seinerzeit auch von Friedrich II. erobert und Preußen angegliedert. Es stellten sich danach schnell intensive Austauschbeziehungen zwischen Brandenburg und Schlesien her, wie das bei Nachbarprovinzen normal ist. Im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben gingen beständig Menschen und Dinge hin und her. Nicht von ungefähr kam es zu der Redensart "Jeder zweite Berliner stammt aus Schlesien", obwohl sich dergleichen statistisch nicht nachweisen läßt. Der Zustrom speiste sich aus allen gesellschaftlichen Schichten und hörte über die Jahrzehnte hin nicht auf. Während aber die Abwanderung aus Schlesien, auch wenn sie in vielen Fällen aus wirtschaftlicher Not geschah, immer auf mehr oder weniger freiwilligen Entscheidungen der Individuen beruhte, kam es vor und nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu ganz anders gearteten Bevölkerungsbewegungen. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Lausitzer Neiße brachte auch viele Schlesier nach Berlin und Brandenburg, wo sie in einer ohnehin elenden Lage unter größten Schwierigkeiten zunächst notdürftig aufgenommen und später dauerhaft integriert werden mußten - in zwei deutschen Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen. Und auch nachdem Schlesien schon einige Zeit in den polnischen Staat eingegliedert worden war, kamen weiterhin Zuwanderer, Flüchtlinge und Spätaussiedler von dort, vorwiegend nach West-Berlin. Alle diese Gruppen hielten und halten die Beziehungen zwischen den beiden Regionen lebendig. Es ist interessant, gezeigt zu bekommen, wieviel Schlesisches in Berlin und Brandenburg bleibende Spuren hinterlassen hat, vom Brandenburger Tor angefangen; ebenso gilt im umgekehrten Fall das gängige Wort "Die Steine reden deutsch" für Schlesien besonders deutlich. Darüber hinaus interessiert natürlich die Zukunft. Man möchte gern wissen, ob unter den neuen politischen Bedingungen wieder eine größere Nähe herstellbar ist. Hat z.B. das Riesengebirge eine Chance, erneut ein Naherholungsgebiet für die Berliner zu werden? Gibt es realistische Ansätze oder auch nur Möglichkeiten, die Sprachbarriere abzumildern?

Hürden niedriger zu machen war auch ein Nebengedanke bei der Realisierung des Projekts, der mit dazu führte, daß wir uns auf zwei Regionen beschränkt haben. Schließlich sind Brandenburg und Schlesien nach wie vor Nachbarn, sie liegen sich schräg gegenüber, egal wem sie gehören. Wenn man alles nach dem nationalen Maßstab bewertet, wird vieles umständlich und schnell zu prestigebeladen. In der Praxis war das aber nicht so einfach. Erstens setzt man doch leichter die nationale Brille auf, als man denkt, und zweitens steht der in Deutschland starken föderalen und regionalen Tradition in Polen nichts Gleichartiges gegenüber - in Oberschlesien schon noch, in Niederschlesien keinesfalls. Überhaupt bestehen zwischen Oberschlesien und Niederschlesien riesige Unterschiede, historisch und aktuell. Die oberschlesische Bevölkerung, von der sich immer große Teile viel mehr regional als national definierten, wurde gern von interessierter deutscher und polnischer Seite für sich vereinnahmt. Sie brachte aber das Kunststück fertig, sich inmitten der anhaltenden deutsch-polnischen Antagonismen nicht ihre Identität nehmen zu lassen, die man nur als spezifisch "oberschlesisch" bezeichnen kann. So konnten viele dort Ansässige nach 1945 bleiben. Das Oppelner Schlesien trägt Züge eines Grenzgebiets, obwohl es 300 km von der jetzigen deutsch-polnischen Grenze entfernt liegt. Verbindungen zu Berlin/Brandenburg gab es zumindest durch die wirtschaftliche Aktivität der Schwerindustrie die ganze von uns betrachtete Zeit über - bis 1945 sowieso, und ein Rest blieb auch mit der DDR erhalten. Der politisch bedingte Austausch, etwa beim Kulturkampf, zur Abstimmungszeit oder unter nationalsozialistischer Herrschaft, war jedoch nicht so sehr der zwischen zwei beliebigen Regionen, sondern der zwischen zwei ganz besonderen, dem abgelegenen, aber sehr wichtigen Oberschlesien und der Zentrale Preußens und des Reiches.

Hier ist im übrigen die passende Stelle, darauf hinzuweisen, daß in diesem Buch und parallel dazu in der Ausstellung oberschlesische Themen stärkeres Gewicht als ursprünglich geplant bekamen, nachdem der Trägerverein des Schlesischen Instituts in Oppeln als polnischer Kooperationspartner für das Projekt gewonnen war und sich mit seinen zahlreichen Spezialisten sofort stark engagierte. Es zeigte sich insbesondere, daß die Erinnerung an die in Oberschlesien äußerst bewegte Zwischenkriegszeit dort, an Ort und Stelle, noch sehr lebendig ist, während sie für die meisten Deutschen schon der entfernteren Vergangenheit angehört. Da aber alle Versuche der Oberschlesier, ihre Probleme von heute zu lösen - z.B. eine konstruktive Rolle für die deutsche Minderheit zu finden -, mit der Auseinandersetzung über jene Zeit verbunden sind, wäre es nicht sinnvoll, auf diesen Anknüpfungspunkt in unserem Zusammenhang zu verzichten.

Im Laufe der Zusammenarbeit mit den Oppelnern und anderen polnischen Partnern kam es über viele Auseinandersetzungen und Diskussionen zu Klärungen und gemeinsamen Positionen. Eine Erleichterung für die Arbeit an diesem Buch war z.B. der pragmatische Beschluß, grundsätzlich in den deutschen Texten die deutschen, in den polnischen Texten die polnischen topographischen Bezeichnungen zu verwenden. Allerdings ließ sich immer noch keine endgültige Übereinstimmung unter sämtlichen Beteiligten darüber erzielen, ob die Maßnahmen, mit denen die in Schlesien einheimische deutsche Bevölkerung ab 1945 durch die neuen polnischen Machthaber gegen ihren Willen gezwungen wurde, ihre Heimat zu verlassen, als "Vertreibung" oder als "Aussiedlung" zutreffend zu bezeichnen ist. Auch die Begriffe "Zwangsaussiedlung", "Austreibung", "Ausweisung", "Umsiedlung", "Migration", "Bevölkerungstransfer" werden verwendet. Dahinter verbirgt sich eine unterschiedliche Akzentsetzung über das Recht bzw. Unrecht dieser Maßnahmen. Die - zumeist deutschen - Autoren, die von "Vertreibung" sprechen, bezeichnen damit das Unrecht, das der betroffenen Bevölkerung geschehen ist, ungeachtet der Beschlüsse von Potsdam und ungeachtet der Tatsache, daß diese Vertreibung letztlich eine Folge des vom nationalsozialistischen Deutschland begonnenen und verlorenen Krieges war. Diejenigen - zumeist polnischen - Autoren, die weiter von "Aussiedlung" sprechen, drücken im Gegensatz dazu aus, daß diese Maßnahmen zu Recht und entsprechend den verbindlichen Abmachungen der Siegermächte vorgenommen worden sind. Hinzuzufügen ist in dieser Sicht noch die moralische Rechtfertigung durch das Leid und Unrecht, das Polen im Krieg durch Deutsche angetan worden ist. Obwohl sich die Positionen deutlich aufeinander zubewegen, ist noch keine einheitliche Sicht zustande gekommen. Daher hat die Redaktion die von den einzelnen Autoren für angemessen erachteten Begriffe nicht verändert. Die Autoren bleiben für die gewählten Bezeichnungen selbst verantwortlich.

In diese Kontroverse ist Bewegung gekommen, seit es in Polen möglich ist, offen über das Schicksal der polnischen Bevölkerung in den östlichen Wojewodschaften Vorkriegspolens zu sprechen, nachdem diese von der Sowjetunion annektiert worden waren. Die zwangsweise Verbringung großer Teile dieser Bevölkerung nach Westen, u.a. nach Schlesien, mußte bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen "Repatriierung" genannt werden. Auch hier ist eine Änderung der verwendeten Begrifflichkeit im Gange, was sicherlich die Chancen vergrößert, in absehbarer Zeit die Differenzen über "Vertreibung" oder "Aussiedlung" der Deutschen zu bereinigen. Im übrigen ist in der deutschen Öffentlichkeit immer noch nicht sehr bekannt, daß die Mehrheit der neu in die ehemals deutschen Ostgebiete gekommenen Polen ihrerseits Vertriebene sind. Auf der persönlichen Ebene kann es, wie wir an Beispielen zeigen, zu großem Verständnis für das gegenseitige Schicksal kommen. Darin liegt aber auch die Gefahr - und man kann dergleichen hören -, daß sich deutsche und polnische Vertriebene in der Position "Die Russen sind an allem schuld" treffen. Das wäre ein fataler Abweg - jedenfalls ist klar, daß es nicht die Sowjetunion war, die den Zweiten Weltkrieg angezettelt hat.

Auch in der DDR gab es den Versuch, über verbindliche Sprachregelungen die erwünschte Geschichtsinterpretation durchzusetzen. Dort wurden die Vertriebenen offiziell mit dem euphemistischen Ausdruck "Umsiedler" bezeichnet, im Sprachgebrauch des Alltags erhielt sich daneben der Ausdruck "Flüchtlinge". Sie waren praktisch gezwungen, ihre Erfahrungen zu verschweigen oder zu verdrängen. Erst in neuester Zeit ist es ihnen möglich, sich öffentlich über ihr Schicksal zu äußern. Auch diese Gruppe wird vorgestellt - und damit die Unterschiede zu dem weiteren Lebensverlauf der in den westlichen Kontrollbereich gelangten vertriebenen deutschen Schlesier.

In der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin gab es reichlich Gelegenheit für Schlesier, sich und ihre Interessen zu präsentieren. Der Einfluß der gut organisierten Vertriebenenverbände auf die Politik war beträchtlich. Als die nächste Generation herangewachsen war, spätestens ab 1968, wurde die Vertreibung jedoch auch im Westen eine Art Tabuthema, und zwar für politisch linksstehende Menschen. Man wollte vermeiden, in "Revanchismusverdacht" zu geraten, bestand nicht nur auf bedingungsloser Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, sondern unterstellte stillschweigend, daß die Ostgebiete quasi nie etwas mit Deutschland zu tun gehabt hätten. Konsequent wurden, wie in der DDR, in einer Art vorauseilendem Gehorsam ausschließlich die polnischen Ortsnamen benutzt - in grauenhafter Aussprache. Diese Haltung gibt es teilweise immer noch, auch dies ist eine Form der arroganten Ignoranz, der wir mit unserem Projekt entgegentreten wollen. Unterschwellig kam in diesem Zusammenhang noch das Gefühl hinzu: da die Vertriebenen für die Verbrechen der Nationalsozialisten stärker bestraft worden sind, werden sie wohl auch stärker schuldig sein.

Bald nach dem Krieg setzten auf deutscher und polnischer Seite Bemühungen ein, Feindschaft und Konfrontation zu überwinden und zu einer Verständigung und Versöhnung zu kommen. Die Bereitschaft dazu ist ständig gewachsen. Wenn dies aber funktionieren soll, darf es keine Tabuthemen mehr geben. Man muß alles gegenseitig aussprechen können, was man auf dem Herzen hat, ohne daß gleich wieder alles zu Ende ist. Eine "Neue Ehrlichkeit" ist gefragt. Dazu in erster Linie soll dieses Buch ein Beitrag sein.

"Wach auf, mein Herz, und denke ...", ruft der schlesische Barockdichter Andreas Gryphius angesichts der Zerstörungen und Verrohungen des Dreißigjährigen Krieges, alles ist eitel und vergänglich, aber trotzdem müssen wir uns aufraffen, da, wo wir in diesem Leben stehen, vernünftig und verantwortungsvoll zu handeln. Ein Beispiel dafür hat er durch seine Arbeit nach dem Friedensschluß als Stadtsyndikus von Glogau gegeben, unter widrigen Umständen, als die habsburgische Obrigkeit versuchte, das Land zu rekatholisieren. In neuerer Zeit haben sich die Glaubenskämpfe in unseren Breiten ins Weltliche verlagert, werden aber weiterhin stur und brutal ausgefochten. Leid, Elend und Sinnlosigkeit sind auch im 20. Jahrhundert alltägliche Erfahrungen geblieben. Wir müssen weiter dagegen kämpfen. 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird überall darüber nachgedacht. Allein der kühle Verstand reicht aber nicht aus, das Herz muß beteiligt sein. So wird es leichter, den anderen nicht nur zu verstehen, sondern ihn zu akzeptieren, und das vor allem ist notwendig, wenn wir dauerhaft in Frieden zusammenleben wollen.

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