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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X

Jörg Lüer, Berlin

Die Oberschlesier im preussisch-deutschen Denken

Als Oberschlesien 1742 an Preußen "fiel", stellte es für die um die Integration Schlesiens in den preußischen Staat bemühten Behörden nicht viel mehr dar als ein Anhängsel des wirtschaftlich und kulturell für sie viel interessanteren Niederschlesien. Diese "Wertschätzung" schlug sich darin nieder, daß Oberschlesien innerhalb Schlesiens, das bis 1816 außerhalb der allgemeinen preußischen Provinzialverwaltung stand, kein eigenes Verwaltungzentrum besaß, sondern von Breslau aus regiert wurde. Das zivilisatorische Niveau Oberschlesiens lag zu dieser Zeit weit unter dem Niederschlesiens.

Der Bevölkerung brachten die preußischen Behörden ein deutlich ausgeprägtes Mißtrauen entgegen, was zum einen darauf beruhte, daß Oberschlesien vorwiegend katholisch war, zum andern, daß sein Adel enge Kontakte zu Österreich besaß, vor dessen revisionistischen Absichten in bezug auf Schlesien Preußen allen Grund hatte, sich zu fürchten. Getreu dieser Perspektive hielt es der schlesische Provinzialminister 1744 in einem Bericht an Friedrich II. auch für nötig, darauf hinzuweisen, daß er hinsichtlich der oberschlesischen Bevölkerung alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen habe, um sich ihrer zu vergewissern.

Doch diese Skepsis gegenüber der einheimischen Bevölkerung wurde noch durch eine weitere Komponente genährt, die im Rahmen der preußischen Polenpolitik, die, wie bekannt, konsequent auf die Teilungen Polens und die Aufrechterhaltung dieses Status quo hinauslief, zunehmend an Bedeutung gewann: die Bevölkerung Oberschlesiens war in der überwiegenden Mehrheit polnischsprachig, d.h. sie sprach einen aus dem Altpolnischen hervorgegangenen Dialekt, der in herablassender bzw. diffamierender Weise in Preußen-Deutschland oftmals als "Wasserpolnisch" bezeichnet wurde. Seit den Teilungen Polens befürchteten die preußischen Behörden immer wieder, daß sich die oberschlesische Bevölkerung für die polnische Sache gewinnen ließe. Dasselbe hoffte im übrigen während des Kościuszko-Aufstands 1794 die polnische Seite. De facto waren diese Befürchtungen bzw. Hoffnungen allerdings, sieht man von Desertionen von Oberschlesiern aus der preußischen Armee und vereinzelten Überläufern zum Heer Kościuszkos ab, unbegründet. Nichtsdestotrotz ließ Preußen während des Aufstandes 1794 zur Sicherung der oberschlesisch-polnischen Grenze die Armee in Oberschlesien aufmarschieren. Die in Schlesien stationierten Regimenter der Oberschlesier wurden zum Teil durch Regimenter aus Brandenburg ersetzt. In diesen Regimentern wiederum wurden während der Niederschlagung des Kościuszko-Aufstands die sogenannten Wasserpolacken dort, wo sie die Hälfte des Regiments ausmachten, auch beurlaubt.

Die Angst der preußischen Behörden vor einer "oberschlesischen Illoyalität" scheint mit Blick auf die zentrale Bedeutung, die der Erwerb Schlesiens sowie die Teilungen Polens für den Aufstieg Preußens von einem zweitrangigen Staat zu einer europäischen Großmacht hatte, nachvollziehbar. Aus der preußischen Perspektive mußte die unter auch für damalige Verhältnisse katastrophalen sozialen Bedingungen lebende Bevölkerung, die zudem katholisch war und polnisch sprach, einen Unsicherheitsfaktor darstellen. Die falsche Einschätzung der realen Stimmungslage in der Bevölkerung, die sich gegenüber dem preußischen Staat loyal verhielt, aber eine grundlegende Verbesserung ihrer Lebensbedingungen erhoffte, was sich letztlich 1811 im oberschlesischen Bauernaufstand niederschlug, ist charakteristisch für die Distanz und das Unverständnis der preußischen Behörden ihren oberschlesischen Untertanen gegenüber.

Bergbau-Symbol
Bergbau-Symbol

Sieht man von den beschriebenen Ängsten ab, so läßt sich sagen, daß Oberschlesien in den ersten vierzig Jahren preußischer Herrschaft kaum zur Kenntnis genommen wurde. Dies änderte sich mit dem Aufschwung des oberschlesischen Berg- und Hüttenwesens in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts. Nachdem deutlich geworden war, welche Schätze in der Region lagerten, betrieb Preußen mit großer Energie den Ausbau der Montanindustrie in Oberschlesien. 1786 wurden auf der Friedrichsgrube in Tarnowitz die ersten Dampfmaschinen auf dem europäischen Kontinent installiert. Oberschlesien entwickelte sich zu einem Technologiestandort ersten Ranges. In diesem Zusammenhang setzte eine Reisebewegung nach Oberschlesien ein, um die sogenannte Feuermaschine und die technischen Errungenschaften in Augenschein zu nehmen, u.a. besuchte Goethe 1790 aus diesem Grund Tarnowitz. Die Wirkung auf die Zeitgenossen des Spätabsolutismus war enorm.

Eisengiesserei Gleiwitz
Eisengiesserei Gleiwitz

Nebenbei kamen die Reisenden auch in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung und nicht alle Kommentare und Beschreibungen waren von so harmloser Gleichgültigkeit geprägt wie der Goethes, der in seinen Reisenotizen zu Oberschlesien schlicht gelangweilt anmerkte: "Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches". In den zeitgenössischen Reiseberichten erscheint die oberschlesische Bevölkerung meist nur im Lichte der schlimmen sozialen Bedingungen, unter denen sie lebte, und deren Auswirkungen auf die kulturellen Verhältnisse. Konkret hieß dies, daß die Touristen erschreckt waren über das Ausmaß des Alkoholismus und der Kriminalität sowie die hygienischen Bedingungen, die sie in Oberschlesien antrafen. Auf diese Weise entstand ein Bild von der oberschlesischen Bevölkerung als einer kulturell und sozial minderwertigen und letztlich moralisch degenerierten Bevölkerung.

Diese Diskriminierung wurde allerdings von einzelnen Personen wie dem schlesischen Aufklärer J. G. Schummel (Schummels Reise durch Schlesien im Julius und August 1791, Breslau 1792) und Pastor Pohle (Der Oberschlesier, verteidigt gegen seine Widersacher, o.O. 1791) entschieden zurückgewiesen. Ihnen ging es darum, die Gründe für die soziale Misere aufzuzeigen und die Entwicklungsfähigkeit der Bevölkerung zu verteidigen. Ihrer Auffassung nach war nicht die Bevölkerung schlecht, sondern die Bedingungen, unter denen sie leben mußte. Schummel trug dies den Spott ein, ein neuer Ritter für die Ehre Oberschlesiens zu sein. Dieses Grundthema, die Verständnislosigkeit der Außenstehenden für die sozialen, kulturellen und später "nationalen" Belange der Oberschlesier, sowie der Versuch schlesischer Intellektueller, die falschen Oberschlesienbilder zu überwinden, wobei die Zielrichtung solcher Versuche sehr unterschiedlich war, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der preußisch-deutschen Wahrnehmung der oberschlesischen Bevölkerung.

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich die Anziehungskraft der Technologie in Oberschlesien erschöpft. Mittlerweile war Oberschlesien, wie sich während der Befreiungskriege zeigte, aber zu einem wichtigen Bestandteil der preußischen Wirtschaft, speziell der Rüstungswirtschaft, geworden. 1816 wurde dem im Zuge der preußischen Verwaltungsreform, bei der die verwaltungsmäßige Sonderstellung Schlesiens aufgehoben wurde, durch die Gründung des Regierungsbezirks Oppeln Rechnung getragen. Während der Befreiungskriege kündigte sich angesichts der geringen Begeisterung der oberschlesischen Bevölkerung, sich freiwillig zur Armee zu melden, auch der später bedeutsam werdende Vorwurf der "nationalen" Unzuverlässigkeit an.

Hochofen Malapane
Hochofen Malapane

Wie die oberschlesische Bevölkerung in den folgenden Jahrzehnten bis 1848 wahrgenommen wurde, war im wesentlichen von den Schwierigkeiten der Bauernbefreiung sowie der Frage, ob Unterricht in polnischer oder deutscher Sprache gegeben werden sollte, geprägt. Erst um die Mitte des Jahrhunderts mit dem Entstehen einer deutschsprachigen oberschlesischen Literatur wird Oberschlesien wieder zu einem stärkeren Thema. Diese Literatur nimmt ihre Anfänge, von der romantischen bzw. spätromantischen Heimatliteratur Niederschlesiens geprägt, im westlichen Teil Oberschlesiens, der sozial wie kulturell einen höheren Entwicklungsstand aufwies. Erst mit einer Verzögerung von einigen Jahren erfaßte sie dann auch den östlichen Teil Oberschlesiens. Damit fand auch die oberschlesische Bevölkerung neue Beachtung. Ihre soziale Lage wurde anfänglich in vormärzlich preußenkritischer, später aber in zunehmend preußisch-deutscher Perspektive in den Blick genommen. So beschreibt der Arzt und Schriftsteller Max Ring in seinen Erinnerungen Oberschlesien um die Mitte des Jahrhunderts wie folgt:

"Dieselben Gegensätze, die das Land darbietet, zeigen sich auch im Charakter und Leben seiner Bewohner. Von der Natur gut veranlagt und geistig geweckt, ist das oberschlesische Landvolk durch jahrhundertelange Sklaverei entartet und verwildert. Unter dem Druck der auf ihm lastenden, erst durch die neuere Gesetzgebung aufgehobenen Leibeigenschaft mußten alle besseren Keime erstickt werden. Trotz seiner großen Bildungsfähigkeit, Anstelligkeit und schnellen Auffassung fehlt dem oberschlesischen Bauer und Arbeiter die Ausdauer, Zähigkeit und Zuverlässigkeit des Deutschen. Wie dieser ein geborener Phlegmatiker, so ist jener der geborene Sanguiniker, rasch in seinen Entschlüssen und Taten, ohne Überlegung, leichtsinnig, reizbar, bald ermüdet, oberflächlich, ohne moralische Widerstandskraft, grundsatzlos und hinterlistig, zum Lügen und Stehlen geneigt, träge und arbeitsscheu, dabei gutmütig, stets willig, nie um eine Auskunft verlegen, freundlich und liebenswürdig, doch selten treu und anhänglich; ein halber Wilder, ein großes unerzogenes Kind, mit all den guten und schlechten Eigenschaften eines Kindes."

Es läßt sich allgemein ein Zusammenhang zwischen der Nationalisierung Preußens bzw. der Prussifizierung der Nation, die 1871 in der Reichsgründung gleichsam ihre staatliche Verfassung erhielten, und einer Verengung des Oberschlesienbildes auf die preußische Perspektive feststellen. Oberschlesien wird im Kaiserreich in zunehmendem Maße zu einem Beispiel preußisch-deutscher Kulturleistung stilisiert. Die oberschlesische Bevölkerung erscheint, wie es auch im obigen Zitat anklingt, im Lichte eines Erziehungsprojektes, in dem sie durch den preußisch-deutschen Staat auf die Höhe der Kultur gehoben werden sollte. Dieser Wahrnehmung entsprach die Gründung der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung und Volksspielgruppen im Jahre der Reichsgründung. Die Gesellschaft setzte sich u.a. stark für die Bildung von Volksbüchereien ein, so daß 1903 sich 70 Bibliotheken zu einem Verband oberschlesischer Volksbüchereien zusammenschließen konnten. Als ein weiteres Beispiel sei hier die Anfang des Jahrhunderts gegründete Zeitschrift Oberschlesien genannt, die sich folgendes zum Ziel setzte:

"So soll in erster Linie der Oberschlesier mit der eigenartigen Vergangenheit und den vielgestaltigen Verhältnissen der Gegenwart seiner Heimat vertraut und ihm dieselbe dadurch lieb gemacht, in wichtiger Frage für ihn eine Lanze gebrochen werden".

Treitschke schrieb 1871 aus Oberschlesien an seine Frau:

"[...] Aus einem unheimlicheren Orte hab ich Dir noch nie geschrieben, und niemals war ich so dankbar für das unverdiente Glück, daß mich als einen Deutschen geboren werden und in einer dunklen Ahnung die Größe Preußens mehr erraten als verstehen ließ. Denn was Preußen für die Gesittung der Menschheit ist, daß versteht man erst hier im Osten. Heute war die Romantik der Natur zu Ende. Oberschlesien ist flach und reizlos, dafür hat sich hier ein Gewerbefleiß entwickelt, dessengleichen ich nur in Westfalen sah. Von Gleiwitz bis zur Grenze fährt man meilenweit zwischen Schächten und Hochöfen und Walzwerken und Arbeiterstädten dahin, immer im dicken Rauch. Welch ein Abstand sobald man die österreichische Grenze überschreitet! Ich habe nie geglaubt, daß der Staat so unendlich tief auf alle Lebensgewohnheiten des Menschen einwirkt. Dicht hinter dem preußischen Wachtposten, der die Brücke von Myslowitz behütet (Gott segne ihn und lasse ihn nie von dieser Stelle weichen!), beginnt eine andere Welt. Die Industrie verschwindet augenblicklich, an die Stelle der schönen oberschlesischen Wälder tritt eine namenlose Waldmißhandlung [...]".

Diesen Aktivitäten am kulturellen Kolonisationsprojekt Oberschlesien stand eine Realität gegenüber, die durch die sich im Zuge der Industrialisierung verschärfenden sozialen Gegensätze, die grundlegende Wandlung der Infrastruktur der Region sowie durch die Herausbildung einer polnisch-nationalen Option in der oberschlesischen Bevölkerung gekennzeichnet war. Das preußisch-deutsche Oberschlesienbild, das mehr ein Entwurf, ein Projekt als eine Abbildung war, ließ sich mit diesen Realitäten nicht problemlos in Übereinstimmung bringen. Die überwiegende Mehrzahl der Literaturprodukte versuchte das auch gar nicht erst und erging sich in volkstümlichen Idealisierungen des Bergmanns oder des bäuerlichen Lebens oder griff auf Märchen und Sagen zurück. Dort, wo man sich mit den sozialen und nationalen Gegebenheiten auseinandersetzte, herrschte die preußisch-deutsche Antwort auf die Probleme vor.

Im Laufe der Zeit wurde die Problematik der Desintegration (auf das Reich bezogen) weiter Bevölkerungskreise in Oberschlesien zunehmend unter der Perspektive des deutsch-polnischen Antagonismus betrachtet. Preußisch-deutschem Kulturstreben standen in dieser Sichtweise polnische Zersetzungsaktivitäten gegenüber. Charakteristisch für die Umgehensweise mit der oberschlesischen Bevölkerung ist, daß für sie in diesem Konzept keine eigene Rolle vorgesehen war. Sie war ein schlichtes, mehr oder weniger widerspenstiges Objekt der nationalen Politik. Spätestens seit dem Ende des Kulturkampfes setzte sich auch im Zentrum, das in Oberschlesien die stärkste deutsche Kraft war, die Überzeugung durch, daß es notwendig sei, die Bevölkerung mittelfristig zu germanisieren. Im Unterschied zu den konservativen Parteien war das Zentrum allerdings für eine sanfte Germanisierung über die soziale und kulturelle Integration ins Deutsche Reich. Diese politische Richtung betrachtete die polnischsprachige oberschlesische Bevölkerung anfänglich mehr unter dem Blickwinkel ihrer regionalen Eigenständigkeit als unter der Perspektive der preußisch-polnischen Konfrontation. Erst mit der Integration des Zentrums in das Deutsche Reich und der Zuspitzung der deutsch-polnischen Beziehungen, die auch in Oberschlesien die Lager polarisierte, war auch in dieser Partei die Rede von einer polnischen Frage in Oberschlesien. Die These, daß es sich bei der polnischsprachigen oberschlesischen Bevölkerung nicht um Polen im eigentlichen Sinne handele, wurde später allgemein aufgenommen und gegen die polnischen Ansprüche auf und in Oberschlesien angewendet. Mit der zunehmenden Nationalisierung der deutschen Sozialdemokraten, die ihren Höhepunkt 1914 in der Bewilligung der Kriegskredite fand, stieg auch in diesen Milieus die Akzeptanz des Germanisierungsprozesses in Oberschlesien.

Die Zeit bis 1918 ist im Sinne unseres Themas von der dynamischen Entwicklung der preußisch-deutschen Kulturträgertheorie, die sich in der aggressiven Auseinandersetzung mit der polnischen Bewegung - nicht nur in Oberschlesien - verschärfte, und einem im Kern unerschütterten Superioritätsbewußtsein gekennzeichnet. Die emanzipatorische polnische Bewegung in Oberschlesien stellte de facto die preußisch-deutsche Oberschlesienprojektion und damit grundlegend die Zugehörigkeit Oberschlesiens zu Preußen in Frage. Dies macht verständlich, warum aus preußisch-deutscher Perspektive die polnische Bewegung - unter Umkehrung der historischen Faktenlage - als der Aggressor erschien.

Mit der Ausrufung des Selbstbestimmungsrechts der Völker als Kriegsziel der Alliierten im Ersten Weltkrieg und der Anwendung dieser Vorstellung auf Oberschlesien im Rahmen des Versailler Friedensvertrags, der ein Plebiszit als Entscheidungshilfe bezüglich der staatlichen Zugehörigkeit Oberschlesiens vorsah, war die oberschlesische Bevölkerung zum ersten Mal seit langem wirklich selber gefragt, ihre Perspektiven zu artikulieren. In der Folge führte dies zu einer deutlichen Pointierung der in den Jahrzehnten davor entwickelten Positionen. Mit der Gründung der Zweiten Polnischen Republik 1918 war für Preußen der Ernstfall eingetreten.

Kohleförderung
Kohleförderung

Zur Verteidigung der deutschen Ansprüche bildete sich der parteiübergreifende Schlesische Ausschuß. Nur die extreme Linke beteiligte sich nicht an ihm. Die Bildung des Ausschusses und sein Wirken in den folgenden Jahren macht deutlich, wie sehr die Kulturträgertheorie ins deutsche politische Bewußtsein gelangt war. Zwar gab es nicht unerhebliche Unterschiede in der Ausrichtung der einzelnen Parteien hinsichtlich ihrer Oberschlesien-Politik. So betrieb das Zentrum die Bildung eines eigenen deutschen Bundesstaates Oberschlesien, also die Segregation von Preußen. In der letzten Zielvorstellung, sprich, daß Oberschlesien deutsch sei und es auch bleiben solle, war man sich allerdings einig. Durch die Abstimmungssituation kam der oberschlesischen Bevölkerung nun eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Die deutschen Behörden und Parteien waren sich, wie man den internen Lageberichten des preußischen Innenministeriums entnehmen kann, durchaus über die national instabile Situation in Oberschlesien im klaren. Diese führte aber keineswegs zu einer Infragestellung der eigenen Position. Das Problem wurde auf die polnische Agitation, die die in großen Teilen national indifferente zweisprachige Bevölkerung mittels sozialer Propaganda erreichte, und im selbstkritischen Umkehrschluß auf Versäumnisse im Umgang mit dieser Bevölkerung geschoben. Die Akzentuierung des zweiten Punktes fiel bei Zentrumspolitikern für gewöhnlich stärker aus als bei den konservativen Parteien. Die paternalistische Einstellung gegenüber der Bevölkerung wurde aber nicht aufgegeben. Im Gegenteil, die nationale Indifferenz weiter Bevölkerungskreise schien einen Beweis der Unreife dieser Menschen zu liefern. Das Authentische der polnischen Option sowie der starken autonomistischen Tendenzen in der Region wurde nur von wenigen deutschen Zeitgenossen gesehen. Mit den Abstimmungskämpfen entwickelte sich eine deutsche oberschlesische Literaturbewegung, die sich ganz in den Dienst an der deutschen Position stellte. Im Rahmen der öffentlichen Diskussion über die oberschlesische Frage während der Abstimmungskämpfe sowie nach dem Plebiszit bildeten sich die Topoi heraus, die bis 1939 das Oberschlesienbild kennzeichnen sollten.

1922 wurde Oberschlesien, gestützt auf die Abstimmungsergebnisse, geteilt. Diese Teilung wurde in Deutschland als Niederlage empfunden und letztlich nie akzeptiert. Die Gründe für diese "Niederlage" sah man neben der ungünstigen außenpolitischen Situation nach dem Krieg in der sozialen Struktur der Region. So formulierte der einflußreiche Breslauer Geograph Wilhelm Volz:

"Von höchstem Interesse ist es nun, die Abstimmung ins einzelne zu verfolgen. Da ergibt sich, daß in den Gebieten sozialen Tiefstands die polnischen Stimmen zahlreich sind; an den großen Verkehrslinien wird deutsch gestimmt, wo es keine alten Verkehrsstraßen, keine Eisenbahn gibt dagegen polnisch, wo der Hüttenarbeiter, der in sozial besserer Lage ist, vorherrscht, gibt es deutsche Majoritäten; wo der Grubenarbeiter dagegen die Mehrheit hat, finden wir starke polnische Stimmenzahlen; wo besserer Boden zwischen Latifundien auf kleinsten Wirtschaften der Landmann sich plagen muß, um sein Leben zu fristen, sind polnische Majoritäten. Also je höher der soziale Stand der Bevölkerung, desto mehr deutsche Stimmen [...] Damit aber wird die ganze oberschlesischen Frage zur kulturellen, zur sozialen Frage! Es ist ein grober Irrtum, in ihr ein nationales Problem zu sehen."

Diese Leugnung der Authentizität der polnischen Option in Oberschlesien diente in den folgenden Jahren als revisionistisches Argument. In der Zwischenkriegspublizistik und -literatur wird Oberschlesien in paradigmatisch zugespitzter Form zum Musterbeispiel der deutschen Position im Osten stilisiert. Die sogenannte "Blutende Grenze", die in der Tat für die Region schmerzhaft war, sollte dazu dienen, die Unhaltbarkeit des Versailler Vertrages zu dokumentieren. In der Stilisierung der Kämpfe um den Annaberg fand die deutsche Grenzkampfidee ihr oberschlesisches Heldenepos.

Königshütte 1828
Königshütte 1828

Die preußisch-deutsche Erfahrung mit dem Plebiszit stärkte das Mißtrauen gegenüber der zweisprachigen oberschlesischen Bevölkerung, die als "nationale bzw. labile Zwischenschicht" oder als "schwebendes Volkstum" bezeichnet wurde. Gerade dieser Bevölkerungsteil hatte überwiegend polnisch optiert. Die Perspektive auf diese Bevölkerung war von einer Mischung aus der alten paternalistischen Überlegenheitsvorstellung und der Einschätzung als national unzuverlässiger, zum "Verrat" fähiger Menschen geprägt. Die deutschtümelnden Verteidiger des deutschen Anspruchs auf ganz Oberschlesien gerierten sich als Heimattreue, was im Umkehrschluß der Gegenseite den Verratsvorwurf eintrug. Die betroffene Bevölkerung stellte letztlich in den Augen der Behörden einen Unsicherheitsfaktor dar. Die Bekämpfung der polnischen Elemente in der Kultur Oberschlesiens und die kulturelle Unifizierung mit dem Deutschen Reich war eine Aufgabe, die sich die deutsche Politik in der Zwischenkriegszeit gestellt hat.

Auf diese Weise entstand ein ambivalentes Oberschlesienbild. Auf der einen Seite die "treue deutsche Kulturregion im heroischen Grenzlandkampf", auf der anderen Seite die unsichere "halbpolnische" Region am Ende des Reiches. (Die populären Antek-und-Franzek-Witze sind ein gutes Beispiel für die herablassende Haltung gegenüber der zweisprachigen Bevölkerung). Natürlich gab es auch in der Weimarer Republik Stimmen, die die oberschlesische Frage selbst- bzw. nationalkritischer und aus einer spezifisch oberschlesischen Perspektive sahen. Doch konnten diese Stimmen keinen wesentlichen Einfluß auf das allgemeine Oberschlesienbild nehmen. Als Beispiel sei hier nur der 1932 erschienene Roman Ostwind von August Scholtis genannt. (Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde dieses Werk verboten.)

Im Verlauf der Zwischenkriegszeit verlor die polnische Bewegung im deutschen Teil von Oberschlesien an Stärke. Doch entgegen der offiziellen Propaganda, die diese Entwicklung als einen Beweis für das Deutschtum Oberschlesiens anführte, waren die Behörden über die reale Situation in der Region nach wie vor verunsichert. Um einen Überblick über die Nationalitätenverhältnisse in der Provinz Oberschlesien zu erhalten, wurde Mitte der 30er Jahre der Bund Deutscher Osten mit einer geheimen Erhebung über den Gebrauch der polnischen Sprache in der Provinz beauftragt. Die Ergebnisse waren aus der Sicht der deutschen Behörden alles andere als zufriedenstellend.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten brachte für das preußisch-deutsche Oberschlesienbild keine grundlegende Veränderung. Der größte Teil der Heimatbewegung ging mehr oder weniger reibungslos im Nationalsozialismus auf. Es läßt sich aber eine Akzentverschiebung auf die volkskundliche Betrachtung der Bevölkerung und ein stärkeres Hervortreten der schon seit langem virulenten rassistischen Ideologeme feststellen. Der administrative Germanisierungsdruck erhöhte sich nach der Machtübernahme erheblich. Am Vorabend des Krieges verstärkten sich die Warnungen der örtlichen Behörden vor einer zunehmenden Polonisierung des Regierungsbezirks Oppeln. Die Vorstellung, daß die deutsche Position im Osten von der "slawischen Unkultur" bedroht sei, war ungebrochen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Annektion der polnischen Teile Oberschlesiens begann das letzte Kapitel der preußisch-deutschen Oberschlesien-Politik. Sie war von dem festen Willen geprägt, die Verhältnisse in Oberschlesien von Grund auf neu zu ordnen. Der für die Volkstumspolitik verantwortliche Leiter der Dienststelle des Beauftragten des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums, Arlt, sprach in diesem Zusammenhang von der "Endlösung der oberschlesischen Frage". Diese Neuordnung sah die Beseitigung sämtlicher polnischer Einflüsse in der Region vor, was für die betroffene Bevölkerung Deportation und oftmals auch Konzentrationslager bedeutete. Das Germanisierungprogramm für Oberschlesien stützte sich auf zwei Linien. Auf der einen Seite sollte die wirtschaftliche Situation durch eine grundlegende Strukturreform verbessert werden. Dabei berief man sich ausdrücklich auf die Erfahrung des Plebiszits, daß die soziale und ökonomische Problematik der Region die Gründe für die polnische Option der "nationalen Zwischenschicht" waren. Auf der anderen Seite wurde gegenüber der Bevölkerung im ehemals polnischen Teil Oberschlesiens eine systematische Bevölkerungspolitik entwickelt, die die Bevölkerung nach den Graden ihrer Germanisierung klassifizierte und diesen Klassen entsprechend behandelte. (Zumindest in der Theorie war es so vorgesehen. Die komplexen menschlichen Situationen in der Grenzregion entzogen sich allerdings der starren administrativen Erfassung.) Diese Bevölkerungspolitik, die mit dem Begriff der Deutschen Volksliste verbunden ist, stellt den Höhepunkt der preußisch-deutschen Versuche dar, die oberschlesische Bevölkerung nach den eigenen idealtypischen Vorstellungen zu gestalten. Niemals war die oberschlesische Bevölkerung stärker zum Objekt deutscher Politik geworden als zu dieser Zeit. Das Phänomen einer national indifferenten Bevölkerung wurde als im höchsten Maße anomal betrachtet. Diese "Anomalie" zu beseitigen, war das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Politik - in diesem Zusammenhang sind die Studien von Rudolf Beck interessant, der das "schwebende Volkstum" mit psychologisierenden Argumentationen zu einem pathologischen Phänomen erklärte. Die in die Wehrmacht eingezogenen Oberschlesier, die den "Ehrendienst im deutschen Waffenrock" leisten sollten, entzogen sich dieser "Ehre" massenhaft durch Desertionen. Auf diese Weise schien sich das Bild der nationalen Unzuverlässigkeit der zweisprachigen oberschlesischen Bevölkerung erneut zu bestätigen, was in einer perfiden Dialektik zur Legitimation der brutalen Germanisierungspolitik genutzt werden konnte.

Letztlich stellt sich die Geschichte des preußisch-deutschen Oberschlesienbildes und der daraus resultierenden Politik gegenüber der Bevölkerung der Region auch als die Geschichte des Demokratiedefizits in der deutschen Nationsentwicklung dar.

LITERATUR:

A. PERLICK (Hrsg.): Landeskunde des oberschlesischen Industriegebietes. Ein heimatwissenschaftliches Handbuch (Schriftenreihe Landeskunde des Zentralinstituts für oberschlesische Landesforschung, Bd. 1). Breslau 1943; M. RING: Erinnerungen I. In: K. E. FRANZOS (Hrsg.): Aus dem neunzehnten Jahrhundert, Briefe und Aufzeichnungen, Bd. 2. Berlin 1898; W. VOLZ: Oberschlesien und die oberschlesische Frage. Breslau 1922.

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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
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Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X